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Bericht
P E N G L E N G A N – G R A Z – B E R L I N

Eilfried Huth ist 80 – Versuch einer Würdigung.

Er hat den Aufstand nicht nur geprobt. Er hat einen Einmann-Aufstand begonnen, inszeniert und mit wachsendem Erfolg auch zelebriert; den Aufstand gegen einen Wohnbau ohne Architekten und ohne Bewohnermitsprache. „Seine“ Sache ist der soziale Wohnbau mit Bewohnerbeteiligung. Ich sage bewusst sozialer Wohnbau, da er sich das Problem des Wohnens als einem sozialen Anliegen zum Thema machte. Als Architekt machte er sich zum Anwalt der Wohnungswerber: Dieses Anliegen hatte oberste Priorität, die zweite hatte, notgedrungen, die Gegnerschaft zu den gemeinnützigen Wohn- und Siedlungsgenossenschaften und deren Planern mit ihren landauf, landab reproduzierten Dutzendbauten, und, erst drittens, ging es ihm um die Architektur des Wohnbaus. Ohne den vom Markt geprägten Wohnbau in den USA gekannt zu haben, hatte er erkannt, dass Architektur für das Wohnen nicht von erstrangiger Bedeutung ist. Wichtiger erschien es ihm, in einem uns heute schon weniger geläufigen Einerlei des Wohnungsangebotes, das auch am Ende der siebziger Jahre gang und gäbe war, Bewohner und Bewohnerinnen an der Gestaltung ihrer Wohnung teilhaben zu lassen und dass der Architekt dabei die fachliche Hilfe bei der Verwirklichung einer gut funktionierenden, in ihrem In¬nenleben räumlich attraktiven Wohnung leisten sollte. Wenn ein Bewohner eines Huthschen verdichteten Flachbaus sich dann das Terrassengeländer, die Hauseingangstüre, die Hausbemalung und anderes in Eigenregie ausführte oder aussuchte, sollte er dies tun: Lange war der Bewohner unter der Kuratel höchster gestalterischer Anspruchslosigkeit gestanden, jetzt sollte er „dürfen“ dürfen. In der Steiermark war der Gesetzgeber beeindruckt und erließ schließlich jene Richtlinien für den geförderten Wohnbau, um die das Land bald beneidet wurde. Kollegen und Personen, die sich als Hüter des Grals der wahren Architektur sahen, waren weniger beeindruckt: „Barfußarchitekt“ wurde er einmal genannt (wobei vom Schuhwerk des Bonmotiers zu dieser Zeit nichts zu sehen war).
Im Laufe des Prozesses, der mit der Verwirklichung der Abschnitte 1 und 2 der Eschensiedlung in Deutschlandsberg begann, und der mit dem in Planung befindlichen Abschnitt 3 bis in die Gegenwart reicht, hat Huth auch als Architekt unterschiedliche Phasen durchmessen. Diese sind weniger in seinen Wohnbauten, als in seinen anderen Arbeiten ablesbar. War er in den sechziger Jahren zusammen mit Domenig stark unter dem Einfluss der spätbrutalistischen, skulpturalen Sichtbetonarchitektur Walter Förderers gestanden (Pädagogische Akademie in Graz-Eggenberg, das Pfarrzentrum in Oberwart und anderes), so befreite er sich später davon, ohne sich gleich nach Gutdünken jedem beliebigen Einfluss hinzugeben wie ein talentierter Wendehals, vor dessen Blicken man die Schubladen geschlossen halten muss, will man den eigenen Entwurf nicht durch ihn zuerst verwirklicht sehen.
Dass Einflüsse da waren, leugnet er nicht, ist aber sehr zurückhaltend über jene von uns ‚Grazern‘, und hat darüber geschwiegen. Während er und Domenig in ihren Bauten H&D- Varianten eines Spätbrutalismus zelebrierten, hatte ich als junger Absolvent eine strukturale, städtebauliche Architektur in Form von mehr oder weniger utopischen Entwürfen veröffentlicht (Ausstellung „Struktureller Städtebau“ der Architekturalternativen I in der Neuen Galerie, Sommer 1966). H&D gerieten damals stark unter diesen Einfluss, der durch strenge geometrische Strukturen für Erschließung und Konstruktion, ergänzt durch frei geformten Ausbau gekennzeichnet war. Sie zeigten ihr Verständnis davon im Ragnitz-Projekt und in der Arbeit für die Bauten in München. Domenig hat diese Tradition nach der Heimkehr von uns Grazer „Amerikanern“ und nach einem Abstecher in die freie Form aus dem Bauch kurzfristig wieder aufgenommen; Huth nicht. Huths Reaktion darauf, die sich im Lauf der Zeit einstellte, war ebenfalls eine freie Form (Haus Weinburg, Entlüftungsbauwerk am Nordende des Plabutsch Tunnels in Graz). Zuvor aber hatte er sein Blut mit dem Verwaltungsgebäude der Alpine in Leoben „gereinigt“. Etwa gleichzeitig entstand zusammen mit Domenig und dem Statiker Thaller, dem Huth vor sich und noch mehr vor Domenig den größten Einfluss auf die Gestalt des Bauwerks zuspricht, der Speisesaal für die Schulschwestern in Graz-Eggenberg, für den Domenig Jahre später den Landesarchitekturpreis erhielt.
Eilfried Huth ist ein lieber Mensch und mir ein Freund (auch wenn ich ihn, seitdem er in Berlin Professor ist, etwa einmal in zwei Jahren sehe). Bei all seiner prononcierten Gegnerschaft zum vulgärnützigen Wohnungsbau waren sein totales Engagement und das um der Sache wegen Kämpfens zusammen mit seinem persönlichen Charme jene Merkmale, die ihm eine gewisse, widerstrebende Anerkennung seiner Gegner brachte. So kann er heute ohne Gesichtsverlust mit seinen ehemaligen Kontrahenten zusammenarbeiten und bauen. (Er hat sich dabei zuletzt ein bisschen zu wenig Zeit genommen, der Huth; vielleicht sollte er jetzt, da das gesellschaftliche Problem nicht mehr in dem Maße akut ist, dazu beitragen, den Wohnungswerbern den Wert der Architektur nahezulegen und den Gesetzgeber zu überzeugen, wie wichtig es für einen Planer ist, auch mit der Bauleitung betraut zu werden).
Ein bisschen ein quirliger Schussel und ein bisschen ein Chaot ist er auch: Und weil er, wie ich weiß, unter persönlichem Missbrauch jemandes, der sich auf seine Schultern stellt, um selbst größer zu wirken oder zu werden, und unter Ungerechtigkeit leidet, ohne Hassgefühle zu zeigen, ist er auch gescheit. (Im Gegensatz zur Volksweisheit meine ich, dass der Dumme unter Einbildung nicht leidet, wohl aber der gescheite, der seine Einbildung zu erkennen vermag. Das ist Eilfrieds ehemaligem Partner nie gelungen.)
Nach der Trennung der Bürogemeinschaft Domenig-Huth führt Huth ein vergleichsweise kleines Büro, da er sich auf seine Lehrtätigkeit in Berlin konzentriert (auch das eine Ausnahme unter seinen Kollegen). Anders als sein früherer und von keiner Bescheidenheit gehemmter Weggenosse hat Huth sich den Weg, den er beschritt, ohne eine Schar ergebener Fahnenträger selbst bereitet. Er erreichte weniger baukünstlerischen Ruhm als er ein grundsätzlich größeres Verständnis für die Leistung des Architekten im Dienste des Wohnbaus in einem schwierigen politischen Umfeld förderte; den Wandel gesellschaftlicher Werte bezüglich des Ranges bewirkte, den Wohnbau als soziales und baukünstlerisches Thema haben muss. Dies ist für jene besonders wichtig, die nicht zur auserlesenen Schar jener Architekten gehören, für die der Wohnbau ein Feld zweitrangiger Ambitionen sein kann. Der Name Huth ist wie der keines anderen Architekten hierzulande mit sozialem Wohnbau verbunden und mit seiner Befreiung aus dem Schema F für Fertigware aus der Schublade. Jetzt ist er Professor. Ich bin sicher, dass er, der einmal „Barfußarchitekt“ genannte, es genießt, dass er Professor in Berlin ist und nicht in Graz, so unbequem es sein mag, der in Pengalengan auf Java geborene Huth.

Eilfried Huth wird am 1. Dezember 80. Ein Freund wird 80. Heute haben wir einander vor Bildern seiner Ausstellung "TIRAGES RETOUCHÉES" in der Galerie Remixx, Herrengasse 7/1, getroffen (10.11.2010, Anm. d. Red.). Diese sind bis zum 10.1.2011 nach Vereinbarung zu sehen. Vor einer Woche ist seine älteste Tochter nach langen Leiden und aufopfernder Pflege durch Eilfried und Herlinde gestorben. Jetzt ist er von einer traurigen Last befreit und arbeitet weiter als Architekt und Maler. Am Freitag und Samstag dieser Woche werden wir einander an der TU mit ganz unterschiedlichen Auffassungen von "Grazer Schule" wieder begegnen. Ein feiner, großzügiger, anderen gegenüber aufgeschlossener Mensch und Architekt beginnt ein neues Lebensjahrzehnt. Ich wünsche Dir, Eilfried, dazu alles Gute.

BAUTEN (Auswahl):
1963-67 Pädagogische Akademie der Diözese Graz- Seckau in Graz- Eggenberg, mit G. Domenig
1966-68 Kirche und Gemeindezentrum in Oberwart, mit G. Domenig
1968-73 Forschungszentrum der Voest-Alpine in Leoben
1970-72 Restaurant Nord, München, Olympia- Gelände, mit G. Domenig
1970-72 Pavillon der Olympia-Schwimmhalle in München, mit G. Domenig
1972-92 Eschensiedlung Deutschlandsberg
1978-83 Wohnmodell Graz-Puntigam
1979-83 Wohnmodell Thal bei Graz
1975-83 Wohnanlage BIG Deutschlandsberg
1981-84 Wohnanlage MIMI Graz-Algersdorf
1979-86 Plabutschtunnel, Portalbauten
1982-91 Montanuniversität Leoben, Peter-Tunner-Gebäude
1986-91 Wohnanlage Graz-Ragnitz
1994-96 Überwachungswarte Fernwärme Wien
1995-97 Warte Donaukraft Wien-Freudenau

PREISE:
1969 Grand Prix International d’Urbanisme et d’Àrchitecture in Cannes
1975 Europäischer Stahlbaupreis für FRZ in Leoben
1983 Preis des Landes Steiermark für Architektur
1986 Goldenes Ehrenzeichen des Landes Steiermark
1996 Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Deutschlandsberg

AUSSTELLUNGEN (Auswahl):
1965 Forum Stadtpark "Stadt Ragnitz", mit G. Domenig
1969 Cannes "Stadt Ragnitz", mit G. Domenig
1979 Museum of Modern Art, New York, FRZ
1986 Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main "Vision der Moderne"
1987 Kunsthalle Berlin "Berlin- Denkmal oder Denkmodell"
1994 Centre George Pompidou, Paris "Stadt Ragnitz" (Modell), mit G. Domenig
2000 HDA Graz "Prof. Arch. DI Eilfried Huth - Reflexionen über Fragmente meines Tuns"
2010 A trans Pavilion in den Hackeschen Höfen, Hof III, Berlin "Eilfried Huth - Die Beschwörung der Utopien"
Bis 10.01.2011 Galerie Remixx NEU, Graz "Tirages retouchées"

VERANSTALTUNGSHINWEIS
Am 14. Dezember 2010 gratuliert Jesko Fezer Eilfried Huth mit seinem Vortrag "Entwurfsproblem Wirklichkeit" zum 80. Geburtstag (TU Graz, HS 1, Rechbauerstraße 12, 8010 Graz).
Der Berliner Architekt war Student und Assistent bei Eilfried Huth an der Hochschule der Künste Berlin. Im Anschluss an den Vortrag findet an der TU Graz eine kleine Geburtsfeier für Eilfried Huth statt.
Veranstalter ist das Institut für Stadt- und Baugeschichte der TU Graz.

Verfasser / in:

Bernhard Hafner

Datum:

Wed 01/12/2010

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