Nichts für Museen: Kunst im öffentlichen Raum

Ein Symposion an der Karl Franzens Universität zu Fragen um den öffentlichen Raum und die Erweiterung des Kunstbegriffes

„ … wir schließen daran überdies die Hoffnung, daß unser Stadtbild noch durch eine ganze Reihe von Meisterplastiken dieses schätzenswerten Vertreters einer wahrhaft gesunden Kunstrichtung verschönt werden möchte.“ In einem Artikel der Zeitschrift „Das Programm“ vom Oktober 1961 – im Jahr nach der Gründung des Forum Stadtpark –, gezeichnet mit Dr. L. (Rudolf List) befleißigte sich dieser immer noch eines nicht nur aus heutiger Sicht überholt geglaubten Duktus in der Beschreibung der Plastiken des 1945 aus Berlin nach Graz zurückgekehrten Bildhauers Walter Pochlatko. Mit seinen 1950/51 im Garten der Otto-Möbes-Volkswirtschaftsschule aufgestellten Figuren „Zehnkämpfer“ und „Sportlerin“ war Pochlatko als Leiter der Kommission für künstlerischen Schmuck der Bauten des Wohnhauswiederaufbaufonds unverhohlen einem Figurenideal der dreißiger Jahre treu geblieben. „Als künstlerisch markiertes Entree für Wohnhäuser, aber auch für zahlreiche Brunnen fällt die Wahl des Sujets in den meisten Fällen auf Tierskulpturen, die trotz strenger Gestaltung die heitere Note einer überhöhten Naturidylle in den städtischen Alltag einbringen wollen.“ So interpretiert Werner Fenz in dem von ihm herausgegebenen Band „offsite graz. Kunst im öffentlichen Raum“ (Leykam, Graz 2005) spätere Plastiken Pochlatkos wie „Spielende Bären“, „Liegendes Pferd“ oder „Sitzender Eisbär“, die wohl auch einem Identifikationspotential für Bewohner karger sozialer Wohnbauten genügen sollten. Kunst am Bau als Architektursünden kompensierende Affiche? In einem Rahmen, der weit über ehemalige Architekturanhängsel hinausreicht, ist die Kunst außerhalb kunstspezifischer Institutionen als Kunst im öffentlichen Raum inzwischen ein Faktor, der auch die Übergangserscheinung „öffentlichen Abstellens von Kunstwerken“ (Gerfried Stocker) überwunden haben sollte und der gegenwärtig in ein Spannungsfeld politischer, wirtschaftlicher und sozialer Handlungsräume reicht bzw. zwischen virtuellen und realen Kommunitäten oszilliert und damit Räume generiert.

Was der öffentliche Raum ist, wem er gehört und wie darin KünstlerInnen mit ihren Äußerungen inter- und agieren waren die großen Themen eines Symposions am Kunsthistorischen Institut der Karl Franzens Universität Graz vom 11. bis 13. Mai. Veranstaltet vom Institut für Kunstgeschichte, Akademie Graz und Urania, nach einem Konzept von Univ.-Doz. Dr. Werner Fenz, Dr. Astrid Kury und Univ.-Prof. Dr. Götz Pochat referierten und diskutierten KunsthistorikerInnen, KünstlerInnen und SoziologInnen aus Deutschland, Schweden und Österreich historische und gegenwärtige Entwicklungen und Probleme.

Im Grazer Stadtraum, führte Werner Fenz aus, überwogen, verbunden mit der Ein-Prozent-Klausel für Kunst am Bau, bis in die 70er Jahre Wandmalereien und Reliefs in Innen- und Außenräumen. Infolge zahlreicher Paradigmenwechsel in der Gegenwartskunst verändern sich auch formale und inhaltliche „Sprachformen“ künstlerischer Äußerungen in Verbindung mit Architektur: So überträgt etwa Hans Kupelwieser mit „Erythrozyten“ (2001) im LKH West ein biologisches Phänomen in Makroformen in den architektonischen Rahmen. Die den roten Blutkörperchen nachgebildeten Plastiken sollten auch als Sitzgelegenheiten fungieren, blieben infolge aber Fragmente des ursprünglichen Konzepts, als farbiger und biomorpher Kontrast zur von Stahl-, Glas- und Beton dominierten Architektur. Das verstörende Verhältnis von Betrachtern und Nutzern einer sich verändernden Kunstproduktion, in der das physische Werk hinter ein weitgehend immaterielles Konzept zurücktritt, führte Fenz am Beispiel eines Wettbewerbes im Jahr 2000 aus: Aus der Aufgabenstellung, eine räumliche Synthese für die kritische Verkehrs- und topografische Lage des Grazer Lendplatzes zu entwickeln, ging Flora Neuwirths Projekt www.lendplatz.at mit einstimmigem Juryentscheid als siegreich hervor. Neuwirth bezeichnete ihre Arbeit als „soziale Skulptur“, nach der sie ein dreiteiliges Corporate Design, ausgehend von einer Homepage, vorsah, das signifikant sowohl für den Platz, als auch zum Werbeträger ansässiger Betriebe werden sollte. Zur Umsetzung allerdings gelangte nach Intervention von Planungsstadtrat und Stadtbaudirektor der schon in der ersten Entscheidungsrunde der Jury ausgeschiedene Beitrag von Melitta Moschik, deren rote Metallstelen mit LED-Anzeige „Urban Interface /Urbane Schnittstelle“ jetzt den Kreuzungsbereich Keplerstraße markieren. Hauptargument für diese Entscheidung, so Fenz, sei der Wunsch „nach einem bleibenden Zeichen“ gewesen, demgegenüber Neuwirths Projekt, das in einen sozialen Raum eingreift und von der Partizipation hier beteiligter Geschäftstreibender abhängig ist, das Nachsehen hatte. Für Kunst im öffentlichen Raum, durch die man sich der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen sozialer Randschichten annimmt, stehen, als ein Beispiel für andere mehr, die Arbeiten von KUNST://ABSEITS VOM NETZ (KAVN) um Mastermind Erwin Posarnig. Über das Langzeitprojekt „Humane Stadtskulptur“ sorgte KAVN für Anschaffung und Aufstellung von Wohncontainern und Errichtung von Gemeinschaftsräumen im Ressidorf. Verbindliche Kategorisierungen, was der öffentlich Raum sei und welche Formen der Intervention durch Kunst möglich seien, macht Fenz abschließend nicht zuletzt von zunehmender Akzeptanz um den Begriff Kunst und seiner interdisziplinären Erweiterung abhängig.

Wie kam die moderne Kunst in den öffentlichen Raum, stellte der Münchener Kunsthistoriker Walter Grasskamp als Frage vor sein Referat. Die Moderne, so eine entscheidende These Grasskamps, sei in ihrer Entwicklung nicht erst mit Ende des neunzehnten, vielmehr schon in Äußerungen der Kunst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts zu identifizieren. Die Kunst im öffentlichen Raum, neben den von seinem Kollegen Lars Berggren (Åbo Akademie, Finnland) behandelten Monumenten, sei zunächst als angewandte aufgetreten. Beispiele sind die (Werbe-) Plakate von Toulouse-Lautrec oder Alfons Mucha. Die Entwicklung des modernen, autonomen Kunstwerkes im öffentlichen Raum zeichnet sich aber vor allem im Fassadendekor des Jugendstils in Europa ab, dazu kommen die Pariser Metrostationen oder die Architektur von Victor Horta in Belgien. An der 1909 fertiggestellten Casa Milá von Antoni Gaudí stehen nach Grasskamp vor allem die Dach- bzw. Kaminaufbauten für frühe Beispiele autonomer Plastik einer „radikalen Moderne“. Überhaupt sei der Jugendstil mit seinen unterschiedlichen Bezeichnungen (span. Modernismo) die erste formal einheitliche Ausrichtung der europäischen modernen Kunst und Gaudí ihr wichtigster Vertreter: „Antoni Gaudì war somit der erste, der wirklich radikal moderne Kunst im öffentlichen Raum geschaffen hat, er hielt sich aber für einen Architekten.“

Ort oder realer Raum werden nach Ansicht des Leiters der Ars Electronica, Gerfried Stocker, durch Entwicklungen der Kommunikationstechnologie relativiert respektive generierte die Anwendung von Technologie drei Formen neuen Raums: Den elektronischen (Funk, Fernsehen), den virtuellen (räumliche Illusion, Cyberspace) und den digitalen der Kommunikationsmedien, hervorgehend aus der Internetkommunikation in Blogs und Communitybildung. 1979 wurde die Ars Electronica mit der Intention gegründet, die vormals als „Nischenthema“ betrachteten Auswirkungen elektronischer Entwicklungen auf die Gesellschaft mit KünstlerInnen und Wissenschafterinnen zu diskutieren. Ob ein aus dem Festival entwickeltes Projekt wie „Tele Garden“ – in dem Net-User einen dislozierten realen Garten über Robotersteuerung betreuten, worauf sich Interessengemeinschaften einander zuvor unbekannter Menschen bildeten, die auftretende Probleme (Hackerangriffe) erfolgreich zu lösen imstande waren – als Erweiterung im Kontext Kunst zu verstehen sei, ist für Stocker kein Thema.

Das Symposion begleitend, installierte eine Gruppe junger KünstlerInnen – RAM, Miriam Mone, Markus Gansberger u.a. – Blumenkästen vor einem Teil der historistischen Fassade der Universität. Ein minimaler, aber irritierender Eingriff, dessen Bestand und Gelingen von der Partizipation der Universitätsbediensteten im Bereich des Rektorbüros abhängig gemacht wird: Die jungen Pflänzchen sollten regelmäßig gegossen werden.

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Nachlese

Datum:

Fri 19/05/2006

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