My World, her world ...

Wie sieht es denn bei euch so aus?

Ein kleines Update anlässlich des Weltfrauentages am 8. März: GAT lud drei Architektinnen zum Kaffee, um von ihnen zu erfahren, wie sie ihre Arbeitswelt und -bedingungen erfahren und was ihnen wichtig war und ist. Es trafen sich Inge Nussmüller (Nussmüller Architekten), Ulrike Tischler (.tmp architekten I tischler mechs) und Veronika Hofrichter-Ritter (HOFRICHTER-RITTER Architekten) – man könnte also sagen, drei Generationen weiblicher Architektur.

Wie kam es denn überhaupt zu dem Berufswunsch?
Inge Nussmüller wusste es gleich, als sie als Kind die Gelegenheit hatte, ihrem Onkel, einem Architekten, über die Schulter zu schauen und ihm zu helfen, dass das ihr zukünftiger Beruf sein würde. Uli Tischler kam von einem realistischen Gymnasium mit einem sehr geringen Mädchenanteil in der Klasse, auch da war der Schritt zum technischen Studium kein allzu großer, obwohl zunächst auch noch Graphik oder Germanistik zur Überlegung standen. Einen Einblick in die Welt der Architektur erhielt Uli Tischler bereits früh. Als Kind wohnte sie mit ihren Eltern in Kapfenberg neben der Familie des Architekten Ferdinand Schuster. Oft spielte sie mit Tochter Lissi in Schusters Architekturbüro, wo die beiden Mädchen viel Zeit damit verbrachten, zu zeichnen und zu werken. Veronika Hofrichter-Ritter kam von einem musischen Gymnasium und ist eine begeisterte Zahlenspielerin, auch da war sehr bald klar, dass Architektur ein passendes Studium sein würde. Heute arbeiten alle drei Architektinnen gemeinsam mit ihren Lebenspartnern in Bürogemeinschaften.

Funktioniert die Zusammenarbeit besser als in anderen Berufen?
Bei Inge Nussmüller war es nicht immer so. Die ersten fünfzehn Berufsjahre arbeitete sie allein von zu Hause aus, neben Haushalt und Erziehung der drei Kinder. Mit ihrem Mann, Werner Nussmüller, arbeitet sie erst gemeinsam, seit die Kinder groß und aus dem Haus sind. Uli Tischler „leistete sich erst einmal zwanzig Jahre lang den Luxus, mit einem Nicht-Architekten zusammen zu sein“, beruflich eine Karriere an der Uni und erst dann ein gemeinsames Büro mit ihrem jetzigen Partner Martin Mechs. Bei Veronika Hofrichter-Ritter zeichnete sich die Zusammenarbeit mit ihrem Mann, Gernot Ritter, schon während des Studiums ab, das Büro ist ein echter Familienbetrieb.

GAT: Wie sieht denn die Rollenverteilung im Büro aus?

V. Hofrichter-Ritter: Wir haben eine sehr gute und klare Aufgabenteilung. Wir arbeiten seit etwa 1990 zusammen und haben uns diese Aufteilung über die Jahre erarbeitet und teilweise auch erstritten. Im Prinzip tut jeder, was seinen Neigungen entspricht und der andere respektiert das auch. Ich bin bei uns der „Zahlenmensch“, der leider auch im Auftreten nach außen die weniger lustige oder charmante Aufgabe hat.
U. Tischler: Bei uns ist das eher umgekehrt: Martin jongliert mit den Zahlen, ich konnte ja schon in der Schule mit dem Rechenschieber nichts anfangen.
I. Nussmüller: Seit wir auch Partner im Büro sind, wird auch zu Hause mehr über Architektur gesprochen. Im Büro wechseln die Rollen, es ist wichtig für uns, einander nicht im Weg zu stehen, gelegentlich wird schon diskutiert, dann müssen wir uns neu annähern.

GAT: Wie steht es denn mit den Arbeitsbedingungen für Frauen in der Architektur? Gibt es Unterschiede zu anderen Berufen?

U. Tischler: Der Architektenberuf ist sehr speziell – und das sowohl für Frauen als auch für Männer. Für alle gleich ist natürlich der Existenzdruck und einige große Büros dominieren den Markt schlichtweg.

GAT: Woran liegt das?

V. Hofrichter-Ritter: Männer sind immer noch besser vernetzt.

GAT: Es wird immer wieder behauptet, dass Frauen sich nicht so gut vernetzen können. Stimmt das?

V. Hofrichter-Ritter: Es gibt weniger Frauen an den Stellen, wo Weichen gestellt und Entscheidungen getroffen werden, zum Beispiel bei Unternehmen oder Behörden.
U. Tischler: Und das liegt vermutlich daran, dass es sich da um gewachsene Strukturen handelt, die sich nicht ständig verändern.

GAT: Es wird negativ aufgenommen, wenn man einen geringen Frauenanteil in gewissen Berufen damit erklärt, dass es daran läge, dass Frauen in den Familien verschwinden und sich um die Kinder kümmern. Wenn flächendeckende, ganztägige Kinderbetreuung aber erst jetzt Thema in Gesellschaft und Politik wird, ist das ja kein Wunder ...

V. Hofrichter-Ritter: Ich kann natürlich trotz Kindern arbeiten – sogar bis zu 40 Stunden – damit ist es allerdings nicht getan. Wir müssen ja auch oft nachts arbeiten oder einmal über mehrere Tage wohin fahren. Oft sind wir mit Bedingungen konfrontiert, die weder familien- noch frauenfreundlich sind und oft scheint es, als würde dies vom Auftraggeber entweder nicht bedacht oder absichtlich so betrieben. In der Männerwelt sind Termine vor diesem Hintergrund ja kein Thema.
U. Tischler: Das Wegfallen der Frauen aus unserem Beruf geschieht erst nach dem Studium. Erst in der beruflichen Realität ergeben sich die Schwierigkeiten. Es gibt einige Kolleginnen, die ihr Studium auch mit Kindern äußerst beeindruckend hingekriegt haben.
I. Nussmüller: Ich hatte das Glück, in einer sehr gleichberechtigt denkenden Gesellschaft herangewachsen zu sein. Mein Umfeld war die 68er-Generation, wir haben unsere Kinder auch in diesem Sinne erzogen und z. B. auf die Modellschule geschickt. Damals war doch sehr viel in Bewegung.
V. Hofrichter-Ritter: In meinem Umfeld waren auch alle daran interessiert, nach der Geburt der Kinder bald wieder arbeiten zu gehen, aber das entspricht sicher nicht der breiten Masse.

GAT: Sie alle drei haben doch eine beachtliche Karriere gemacht. Wie ist das gelungen?

I. Nussmüller: Ich habe sicher immer sehr viel gearbeitet und hatte immer etwas zu tun – ob man das als Karriere bezeichnen kann? Die 15 Berufsjahre von 1980 bis 1995 waren sehr bestimmt von der familiären Situation. Neben der Kinderbetreuung gingen sich nur Kleinprojekte aus. Das waren Zu- und Umbauten bei Privaten – ca. 1 Projekt pro Jahr – die ich ohne externe Hilfe alleinverantwortlich abwickelte – von Planung, Ausschreibung und Bauleitung bis hin zur Schlussrechnung.
U. Tischler: Uni und freischaffende Tätigkeit sind eigentlich eine Überforderung, da es sich um zwei volle Berufe handelt. Die Uni ist eine tolle Ergänzung zur Bürorealität, wo man mit Zahlen jonglieren oder sperrigen Bürgermeistern zurechtkommen muss, weil Probleme in einem anderen Zusammenhang überdacht und angegangen werden können.

GAT: Da das Thema am heutigen Frauentag naheliegt, möchte ich gerne die alte Frage nach weiblicher und männlicher Architektur stellen.

I. Nussmüller: Ich höre immer wieder, dass es in der Architektursprache keinerlei Unterschiede gibt – ich erlebe das persönlich allerdings schon. Beschreiben oder dingfest machen kann ich es nicht, fühle es jedoch oft.

GAT: Ist es denn ablesbar?

I. Nussmüller: Ich lehne mich da sicher weit hinaus und werde auch nicht überall Zustimmung finden, aber ich denke dennoch, dass es männliche und weibliche Lösungen gibt, die man durchaus wahrnehmen kann. Ich denke zum Beispiel schon, dass weichere Lösungen oft von Frauen kommen. Die Schrägen und das Durchbrechen und Durchstoßen auf mehreren Ebenen in den 1990er-Jahren sind eher von männlicher Natur geprägt.
U. Tischler: Ich finde es problematisch, Frauen- und Männerarchitektur formal zu definieren. Da wird sehr schnell behauptet, dass Männer Türme bauen und Frauen Kuppeln formen. Mich hat vor Jahren die Arbeit einer Studentin sehr begeistert: Susi Fritzer hat damals an unserem Institut ein Wohnhochhaus entworfen. Darüber war ich wirklich glücklich, gerade, weil oft behauptet wird, dass Frank Lloyd Wright so ein erfolgreicher Architekt wurde, weil er schon als Bub mit Bauklötzen spielen und bauen durfte. Buben bauen Türme und Mädels bleiben in der Ebene – diese Plattheit ist schon unangenehm. Dass man etwas unterschiedlich wahrnimmt, ist sicher möglich, manche Menschen verfügen über einen feineren Sinn und spüren etwas mehr, das hat man oder man hat es nicht.

GAT: Abgesehen von der Formensprache, arbeitet eine Architektin anders, ist eine Frau intuitiver im Umgang, spürt sie sich besser in einen Bauherrn ein?

V. Hofrichter-Ritter: Nein, ich würde mir nicht trauen zu sagen, dass das etwas Frauenspezifisches wäre, mein Mann ist sicher beweglicher im Umgang mit den Kunden als ich.
I. Nussmüller: Bei mir persönlich merke ich, dass ich sicher schneller ungeduldig werde und mein Mann wesentlich besser auf den Bauherrn eingehen kann und im Umgang mit dem Kunden sicher strategisch besser arbeitet.

GAT: Wie wird man denn so aufgenommen als praktizierende Architektin, als Frau in einem Männerberuf? Die Bauwelt ist doch recht männerbetont?

I. Nussmüller: Also auf der Baustelle hatte ich nie Probleme, wenn, dann im konservativen beruflichen Establishment, bei älteren Hofräten zum Beispiel. Dort ist man gelegentlich befremdet, wenn eine Frau etwas vorgibt und bestimmt.
V. Hofrichter-Ritter (lächelt): Auch bei jüngeren Beamten in bestimmten Positionen, das gibt es schon immer mal wieder ...

GAT: Wir danken für das Gespräch!

KURZBIOGRAFIEN:
Alle drei Architektinnen leben und arbeiten in Graz.

_ ARCH. DI VERONIKA HOFRICHTER-RITTER (* 1968 in Salzburg)
Architekturstudium an der TU-Graz, Diplom 1995
1991–1993: Mitarbeit im Büro Prof. Janos B. Koppandy Ökotekt, Graz, Freiraumgestaltung
1993–1994: Auslandsstudium TU-Eindhoven, Holland
1996–1999: Mitarbeit/Ausbildung im Büro Arch. Meinhard Neugebauer, Bruck/Mur
1999: Geburt Viktoria
seit 2000: Ziviltechnikerin
2000–2002: Studium Wirtschaftsingenieur Bauwesen/Projektmanagement TU-Graz
2003: Geburt Jonas
2003: Gründung von „HOFRICHTER-RITTER Architekten" gemeinsam mit Gernot Ritter
2007: Gründung von „HOFRICHTER-RITTER Architekten ZT GmbH“, gemeinsam mit Gernot Ritter
2010: Geburt Samuel
Wichtigste Bauten seit 2005:
2005: Zielstadion Planai, Umsetzung seit 2006
2006: Empfangsgebäude Austria Email
2007: Schiterminal Planai
2008: Begegnungshalle Gosdorf
2009: Arkadenkolumbarium Zentralfriedhof Graz

_ DI INGEBORG NUSSMÜLLER (* 1951 in Rottenmann/Steiermark)
1970–1977: Architekturstudium in Graz / Diplom mit Auszeichnung
1977–1979: Mitarbeit (Team A Graz)
1979–1984: zeitweise Karenz (3 Kinder)
1979–1995: Eigenes Architekturbüro
1995–2002: Mitarbeit im Architekturbüro Werner Nussmüller
seit 2002: Nussmüller Architekten ZT GmbH
seit 2007: Mitglied der Seewood GmbH
Auszeichnungen (Auswahl):
1978: Scheffl Preis Wettbewerb – Social Housing
1987: Geramb Rose Steiermark, Kernhaussiedlung Graz
2001: Holzbaupreis – Bautechnikzentrum Graz
2003: Holzbaupreis – Sonderpreis Ökologie Sun-City Leoben – Wohnbau
2003: Steir. Wahrzeichen, Revi-Fonds Schüttkasten – Gestüt Piber
2006: Geramb Rose Steiermark, Volksschule Wildon
2007: Best of Styria (HdA Jahrbuch) Volksschule Wildon
2009 Holzbaupreis Headquarter Mayr-Melnhof

_ ARCH. DI ULI TISCHLER (* 1956 in Kapfenberg)
1974–1984: Studium der Architektur an der TU Graz
Seit 1989: Lehrtätigkeit am Institut für Gebäudelehre der TU Graz
1996: Dissertation über "U. Nordio, Architekt in Triest"
Seit 1991: architekturbüro uli tischler, Zusammenarbeit mit Martin Mechs seit 1997
2009: .tmp architekten I tischler mechs
Projekte:
2003–2005: Realisierung Wettbewerb Frauenhaus Kapfenberg, Realisierung 2009 Wettbewerb Neubau Volksschule Hausmannstätten, 1. Preis (dzt. in Planung)

Verfasser/in:
Susanne Baumann-Cox, Gespräch

Datum:

Mon 08/03/2010

Artikelempfehlungen der Redaktion

Kommentare

frauenarchitektur - familienarchitektur - partnerarchitektur

macht doch noch ein interview mit selbständigen architektinnen - bzw. rein weiblichen architekturbüros. gehts nicht eigentlich darum? zumindest am weltfrauentag. wie geht es frauen (ohne unterstützende partner) in der heutigen architekturwelt?

Kommentar antworten