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Mitten am Rand: Einkaufszentrums vor den Toren der Altstadt von Fürstenfeld
©: ISG - Internationales Städteforum Graz

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Bericht
Mitten am Rand – On the Fringe
ISG Symposium 2013

In den vergangenen Jahren bildeten vor allem brisante Aspekte aus dem Themenkreis Altstadt und Denkmalschutz die Schwerpunkte der Symposien des Internationalen Städteforums in Graz. Ganz im Gegensatz dazu stand das diesjährige 4. ISG-Symposium „Mitten am Rand“ im Zeichen der Ränder und der Peripherie. Die zahlreichen Referate von Experten und politisch Verantwortlichen widmeten sich, meist anhand verschiedener anschaulicher Fallbeispiele, den Übergangszonen zwischen urbanen Siedlungsrändern und den sie umgebenden regionalen Kulturlandschaften mit häufig noch eigenständigem Charakter, deren Gestalt sich in den letzten Jahrzehnten aber rigoros und unumkehrbar gewandelt hat.

Am 20. und 22. Juni tagten im Heimatsaal des Universalmuseums Joanneum in der Paulustorgasse – unter zahlreichem Zuspruch von Fachleuten und anderen Interessierten – hochkarätige Experten, mehrheitlich aus dem deutschsprachigen Raum, zu vielseitigen Themen rund um Bautätigkeiten und Zer-Siedlung in urbanen Randräumen. Die Betrachtung galt dabei den Ursachen jener oft unkontrolliert ablaufenden Veränderungsprozesse, die seit mehreren Generationen ihre mitunter unschönen Auswirkungen zeigen und die, von vielen Seiten erwünscht, durch eine zukunftsorientierte und verantwortungsvolle Raumplanungspolitik in vernünftige Bahnen gelenkt werden müssen. Denn die Entwicklung der Übergangsgebiete zu gesichtslosen Niemandsländern, die zum freien Baufeld für Investoren und Vertretern singulärer Interessen geworden sind, ist vielerorts schlicht nicht mehr zu übersehen.

Das Konzept Raumplanung, so ISG-Vizepräsident DI Hans-Jörg Luser in seiner Einleitung, wird in der Schweiz, in Bayern und in Österreich unterschiedlich gehandhabt. Wichtig seien jedoch auch soziologische Tendenzen aktueller Lebensweisen – und vor allem, wie Fachleute und Politik auf diese Veränderungen reagieren: „Gerade hier steht für alle Stadt- und Ortsränder die Entscheidung an, ob das Erscheinungsbild aus den Gesetzmäßigkeiten am Auto orientierter Verhaltensweisen resultieren muss oder Maßnahmen für ein erwünschtes Stadt-, Orts- und Landschaftsbild mit eigener Identität gesetzt werden.“ Der Blicken richtet sich auf jene Siedlungsbereiche, die jenseits der Altstadtschutzzonen und nicht selten außerhalb der Ortsbildschutzzonen liegen.

Zum Auftakt zeigte Denkmalschützer DI Niklaus Ledergerber Beispiele aus dem Umland seiner Heimatstadt St. Gallen, die bestätigen, dass auch in der heimatschutzbewussten Schweiz gesichtslose Einkaufszentren, Einfamilienhausteppiche und Lagerhallen die Stadteinfahrten historischer Orte säumen. Dieser durchaus besorgniserregenden Entwicklung stellte Dr. Raimund Rodewald, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, aus Bern den Entwurf „einer neuen Raumplanungspolitik gegen die Zersiedlung“ entgegen: „Bauzonen, die zu groß und am falschen Ort sind, beeinträchtigen nicht nur die Landschaft, sondern kosten auch wertvolle landwirtschaftliche Flächen. In den Ballungsräumen der Nordschweiz sind die Baulandreserven auf unter zehn Prozent der Bauzonen gesunken, weil die Flächen nicht effizient genutzt werden. Das neue einheitliche Schweizer Raumplanungsgesetz soll hier dringend notwendige Abhilfe schaffen, so Rodewald, dessen Entwurf mit einer nahezu Zweidrittelmehrheit im Volksentscheid angenommen wurde und dessen rasche Umsetzung durch die Bundespolitik angestrebt ist.
Ob die „Zwischenstadt“ eine städtebauliche Zumutung oder notwendiges Übel der automobilen Gesellschaft ist, diskutierte der Soziologe Dr. Martin Gegner (dzt. Professor an der Universidade de São Paulo, Faculdade de Arquitetura e Urbanismo): „Die Zwischenstadt ist Ausdruck der gesellschaftlichen Veränderungen, die Mehrheit der Menschen lebt heute in diesem Bereich, ob in Tokio, Los Angeles, Sao Paulo oder im Ruhrgebiet.“ In Europa war diese Entwicklung nicht zuletzt eine Folge der Verkehrsberuhigung der historischen Innenstädte, wodurch Gewerbe, Handel und Industrie mit den neuen Umgehungsstraßen in diese Zonen übersiedelten.

Unter dem Motto „Lage, Lage, Lage“ setzte sich DI Wolfgang Christ, Bauhaus-Universität Weimar, mit dem spannenden Thema Stadt und Konsum im digitalen Zeitalter auseinander.
Absehbar ist für Christ, dass in naher Zukunft die virtuell allgegenwärtige Welt des Konsums die Rolle der Stadt radikal verändern wird: „Die Stadt wird das historische Privileg der Zentralität eintauschen, gepaart mit Vielfalt und Fülle des Angebots, gegen jene Konsum-Werte, die nicht digitalisierbar sind: Raumerfahrung und die unmittelbare soziale Interaktion von Mensch zu Mensch.“ Sein Fazit lautet: „Wir müssen jetzt Leitbilder entwickeln, um die Urbanisierung der Zwischenstadt in Angriff zu nehmen.“

Der Stadtplaner Manfred Brennecke macht sich seit Jahren in Bayern vehement für die Beibehaltung der strengen Raumordnung stark und berichtete im Vortrag „Was heißt ‚Baukultur‘ im ländlichen Raum?“ von gelungenen und eher katastrophalen Beispielen architektonischer Eingriffe in gewachsene dörfliche Strukturen.

Für den verhinderten Hannes Peer (Wolfurt) referierte DI Herbert Bork über die Struktur der an den Ortsrändern zusammenwachsenden Siedlungen im Rheintal, die ihren dörflichen Charakter längst verloren haben. In seinem eigenen Beitrag thematisierte er dem Umgang mit Bauvorhaben in den UNESCO Welterbe-Gebieten. Als Beispiel zielgerichteter Stadtplanung stellte DI Philipp Fleischmann die Seestadt Aspern und die urbane Entwicklung entlang der geplanten U2-Linie in Wien-Donaustadt vor. Unter dem Titel „Stadt am Rand und der Mitte“ erörterte Stadtrat DI Gerhard Rüsch die wechselvolle (Vor-)Geschichte des neuen Grazer Stadtteils auf den Reininghausgründen, in den seitens der Stadt so große Hoffnungen gesetzt werden und der zugleich eine enorme stadtplanerische Herausforderung darstellt, nicht zuletzt in der Finanzierung zeitgemäßer Infrastruktur.

Ländliche Regionen der Steiermark und deren Balance zwischen Bewahren und Modernisierung gegen Abwanderung bildeten das Thema von Christian Gummerer, GF Landentwicklung Steiermark, und LAbg. Ing. Josef Ober. Mit dem europaweiten Projekt HISTCAPE wird das Bewahren wertvoller Kulturgüter und Landschaften als Faktor einer lebenswerten Umwelt herausgestellt, erklärt Gummerer das Ziel, die Wirksamkeit politischer Maßnahmen für ein nachhaltiges Management des Kulturerbes zu verbessern. Die südsteirische Region Vulkanland geht den Weg der Innovation durch die zeitgemäße Vermarktung seiner traditionellen Produkte und Stärken, ohne seine Identität preiszugeben, betont Ober, um „den Menschen und Lebensraum Würde und Wert zurückzugeben“.

Zum Abschluss der Tagung führte eine Exkursion in die oststeirischen Städte Feldbach, Fürstenfeld und zur bekannten Riegersburg. Für viele steirische Bezirksstädte hat die Ansiedlung von Einkaufszentren in den umgebenden Landgemeinden dramatische Auswirkungen auf die Innenstädte. Als Praxisbeispiel diente die Spannungssituation in der Stadt Fürstenfeld, die nach jahrlanger Konkurrenz mit dem Fachmarktzentrum der Nachbargemeinde vor den Toren der Altstadt einen Grundstücktausch erreicht hat und nun auf dessen Gestaltung Einfluss nehmen kann.

Verfasser / in:

Josef Schiffer

Datum:

Wed 10/07/2013

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Mitten am Rand – On the Fringe
4. internationales ISG-Symposium

Veranstalter der internationalen Konferenz waren das Internationale Städteforum Graz (ISG), die Stadt Graz, das Land Steiermark, das BM für Unterricht, Kunst und Kultur, die Landentwicklung Steiermark sowie das Universalmuseum Joanneum.

Eine Zusammenfassung der Beiträge erhalten Sie in Kürze auf Anfrage im ISG-Büro.

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