bild_1_home-lend_von_immola.jpg
Ansicht Wiener Straße – rechts: Wienerstraße 8
©: Elisabeth Kabelis-Lechner

_Rubrik: 

Kommentar
MINUS – Home-Lend

Wieder einmal wurden die Chancen für eine qualitätsvolle und nachhaltige Stadtteilentwicklung mit Zentrumsfunktion vergeigt: zu dicht, zu hoch, zu fad. 256 Wohnungen, 1000 m2 Bürofläche und 120 m2 Einzelhandelsfläche entstehen hier bis Sommer 2022. Insgesamt wird die Nutzfläche 17.000 m2 betragen. Eitle bis skurille Werbeslogans zur Projektvermarktung können diese städtebauliche Katastrophe auch nicht mehr verbessern:
„This Lend is my Lend, this Lend is your Lend. Hier ist der Ort, wo alles kann, aber nichts muss: In der Früh zum Bauernmarkt, am Vormittag zum Shoppen in die Innenstadt, ein köstliches Mittagessen in der Scherbe, am Nachmittag ein bisschen im grünen Volksgarten verweilen und am Abend ein paar Drinks am Lendplatz genießen und anschließend in ein Konzert im PPC?“ Werde zur Lendlady oder zum Lendlord! Hier findest du industrial Chic statt Einheitsbrei“

So bewirbt der Projektentwickler und Bauträger Immola, der von sich behauptet, urbane Lebensräume höchster Qualität zu schaffen, ein noch im Bau befindliches, sehr dichtes Wohnprojekt zwischen Wienerstraße und Neubaugasse im Grazer Bezirk Lend. Bei den äußerst stattlichen Mietpreisen – eine 37m2-Wohnung an der lauten Wiener Straße im 1. OG kostet 587 € inkl. BK, eine 3-Zimmer-Wohnung mindestens 1100 €. Da muss man schon lordmäßig viel Geld haben, damit man sich das Wohnen in Lend-Home leisten kann.

Aber noch nicht genug der peinlichen Sprüche: „Home-Lend. Es ist an der Zeit, anzulenden! Steigen Sie am rechten Murufer aus Ihrem Schiff und beziehen Sie Ihr neues Reich, denn im angesagten Bezirk Lend gibt es wieder Platz für neue Bewohner(Innen). Welcome to the promised Lend – der Ort, wo Versprechen wahr werden!"  

Das wird noch zu überprüfen sein!

Der fast fertige Bau präsentiert sich zur Wienerstraße wenig lordhaft. Mit rücksichtsloser Brutalität dockt der 5- bzw. 6-geschoßige Bauteil an das südlich angrenzende Vorstadthaus (Wienerstraße 8, Baujahr 1895) an. Tiefgaragenzufahrt und Zugänge bilden ein Riesenmaul. Besonders ärgerlich, dass das von Immola als renommiert bezeichnete Architekturbüro GS-architects leider übersehen hat, dass sich im Bereich der geplanten Zufahrt ein erst vor ein paar Jahren gepflanzter Straßenbaum befand. Dieser wurde kurzerhand entfernt! Der grammatikalisch seltsame Spruch von Immola passt hier irgendwie: „Hier ist der Ort, wo alles kann, aber nichts muss.“ Baum muss nichts, also kann weg, oder wie?

„Hier findest du industrial Chic statt Einheitsbrei“. An der Fassade Wiener Straße ist davon nichts zu bemerken, an den Hoffassaden ebenso nicht. Also bleibt nur mehr die Neubaugasse, wo sich der industrial Chick offenbaren könnte, wenn die historische Ziegelfassade wieder errichtet bzw. nachgebaut werden soll. Das Gebäude steht auch in der Neubaugasse zu nah an der Straße, ist zu hoch und die Fassade monoton. Und auch hier wird äußerst brutal an ein altes Vorstadthaus angeschlossen.

Im jüngst erschienen Magazin JUST werden die aktuellsten Projekte der Immola vorgestellt, darunter auch das Home-Lend. Markus Lampesberger (CEO von Immola) wird so zitiert: „Man muss sich spezielle Ecken angreifen trauen – im Vertrauen, dass etwas Größeres daraus entstehen kann. Das macht einen guten Projektentwickler aus. Er ist immer auch Visionär.“  
Wer sich ständig selbst lobt, leidet an narzistischer Störung. An seiner Aussage trifft nur zu, dass bei den Ecken, die Lampesberger angreift und entwickelt, etwas Großes entsteht, aber nicht im Sinne von städtbaulicher oder architektonischer Qualität, sondern bloß im Sinnen von Masse, Dichte, Höhe.

Warum darf Lampesberger das? Weil die Stadtplanung ihm das im Rahmen von investorenfreundlichen Bebauungsplänen im Anlassfall zugesteht. Auch im Fall von Home-Lend. Der Investor kam mit einem von ihm beauftragten Bebauungsplanentwurf (erstellt von GS-architects) und beantragte die Erstellung eines Bebauungsplans. Dieser ist aufgrund der Baulandzonierung erforderlich. Der 2019 erstellte Bebauungsplan legaliserte das dichte Bebauungskonzept des Investors ohne Zielsetzungen auszuverhandeln bzw. vorzuschreiben, die im Interesse der Stadt und der Bevölkerung liegen. Im Rahmen der dürftigen städtebaulichen Analyse wurde weder das enorme Defizit an öffentlichen Freiflächen im Stadtteil erwähnt, noch wurde überprüft, ob die angeführten Schulen überhaupt Raumkapazitäten für neue Schüler*innen besitzen. Die Maximaldichte wurde zugestanden und die für das Gebiet untypische Gebäudehöhen wurden genehmigt. Die Stadklimaanalyse mit ihren planerischen Empfehlungen wurde fast zur Gänze negiert. Diese lauteten: Straßen und Höfe begrünen, Parks als Auflockerung, Flächenentsiegelung durchführen. Es wurden keine Abtretungen für die Begrünung von Straßen oder Gehsteigverbreiterungen vorgesehen. Der Investor darf das gesamte Gebiet nahezu ohne Einschränkungen nach seinen Vorstellungen verbauen.

Das Stadtplanungsamt hat hier eindeutig gegen die Aufgaben der Raumplanung verstoßen. „Raumordnung im Sinn dieses Gesetzes (Steiermärkisches Raumordnungsgesetz) ist die planmäßige, vorausschauende Gestaltung eines Gebietes, um die nachhaltige und bestmögliche Nutzung und Sicherung des Lebensraumes im Interesse des Gemeinwohles zu gewährleisten. Dabei ist, ausgehend von den gegebenen Strukturverhältnissen, auf die natürlichen Gegebenheiten, auf die Erfordernisse des Umweltschutzes sowie die wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung und die freie Entfaltung der Persönlichkeit in der Gemeinschaft Bedacht zu nehmen.“

Man kann nur hoffen, dass solche Gefälligkeitswidmungen nicht mehr vorkommen und sich die Qualität der Bebauungsplanung mit der neuen Regierungskoalition in Graz stark zum Besseren verändern wird.

Verfasser / in:

Elisabeth Kabelis-Lechner

Datum:

Thu 25/11/2021

Artikelempfehlungen der Redaktion

Kommentare

Zugänge ...

Kurz zusammengefasst ... ein weiterer städtebaulicher Skandal der Stadtregierung Nagl.

Als ehemaliger Bauamtsmitarbeiter hat Herr Lampersberger anscheinend andere Zugänge und Möglichkeiten ?

Hoffentlich genießt er die Fahrt in seinem neuen Ferrari, dieser wurde ja netter Weise von der Stadt Graz großteils mitfinanziert.

Grauenvoll, sowohl was die

Grauenvoll, sowohl was die Dichte und Massigkeit wie auch die Anmutung der Anlage betrifft. Ein erschreckender Rückfall in die Monotonie und verflachte Moderne der Zeit des Wiederaufbaues, wobei damals die Baumassenverteilung großzügiger war und Grünräume dieser Anlagen noch echte Qualität haben (siehe Eisteichsiedlung). Sollte man angesichts dieser Projekte nicht auch einmal die Rolle der Architekten und Architektinnen offen ansprechen, die in solchen Fällen nicht einmal mehr als Dienstleister gesehen werden können (was "nur" zu sein auch nicht die Aufgabe der Architekten sein sollte, die dem Staat einen Eid über ihr Tun für die Gesellschaft leisten) Architekten, die solche "Dienstleistungen" erbringen, sind nicht mehr als willfährige Erfüllungsgehilfen und Gehilfinnen eines Systems, das nichts anderes im Sinn hat als die eigene Gewinnmaximierung. Wohin steuern wir Architekten da mit und damit? Wäre es nicht an der Zeit, da nicht mehr mitzuspielen? Darüber offen zu reden? Und den angeblich Kulturbeflissenen der in Wirklichkeit nur an Gewinn interessierten Großprojektentwickler zu sagen: Heinrich, mir graut vor Dir!

Diese Fragen könnte man sehr

Diese Fragen könnte man sehr gut im Rahmen einer Veranstaltung der Kammer thematisieren... "Stadtquartiere vs.Anlegerwohnungen - die Rolle der ArchitektInnen" wäre ein möglicher Veranstaltungstitel...

Infobox

MINUS – Home-Lend

Investorenfreundlich: Ein Projekt der Immola zwischen Wiener Straße und Neubaugasse im Grazer Bezirk Lend

Kommentar von Elisabeth Kabelis-Lechner

.

In der GAT-Kommentar-Reihe
PLUS / MINUS werden kurz und bündig positive wie negative Gestaltungen und Details aufgezeigt, die das Auge erfreuen oder beleidigen.

.

 

Kontakt:

Kommentar antworten