Grazer Schule_Konrad Frey_Bild 58
(58) Bernhard Hafner, Stadtzelle (Brückenrestaurant für Marburg), Diplomarbeit an der TH Graz, 1965, Modell.

_Rubrik: 

Sonntag
KONKRETE UTOPIE [1]

Kann von der „Grazer Schule“ etwas bleiben?

Ist die damals formulierte Ideologie eine Zeitmode gewesen, ohne weiterführende Bedeutung? Ein Ausfluss der Eitelkeit heute alter Männer? Oder doch eine allzeit gültige Haltung, tragfähig auch heute?

Die Forderung an die Architektenschaft nach radikaler Erneuerung war damals offenbar zu viel verlangt, wie bis heute weltweit zu beobachten ist. Beim Bauen ist die Gewohnheit an uralte Tradition offenbar stärker reformresistent als bei anderen Umwälzungen.

Wohl werden neue Strategien da und dort angewendet, intelligente Eingriffe in das Stadtgefüge mit informellen Taktiken und wenig Geld. Fertighäuser sind im Vormarsch. Und es gibt hervorragende Bauten, da und dort!

Doch das Mainstream-Bauen stützt sich weiter auf das traditionelle Architekturverständnis. ArchitektInnen werden beigezogen, wenn mit einem einmaligen Bau oberflächlich repräsentiert werden soll: Die Bauten sind meist maßgeschneiderte Einzelobjekte, teuer und im Vergleich zum Gesamtbauvolumen ein kleiner Markt.

So haben sich die prekären Existenzumstände für den Großteil der Architektenschaft seit den 1960ern kaum geändert, weil sich, wie ich meine, das Angebot im Wesentlichen nicht geändert hat. Weiterhin läuft der größte Teil der Bauaufgaben auch ohne ArchitektInnen.

Die Rolle am Rande des Geschehens ist uns geblieben. Rem Koolhaas formuliert: „famous but irrelevant“.

Heute müssten die gleichen Fragen brennen wie damals. Aber es brennt nichts. Nirgends ein Ausbrechen aus dem traditionellen Rollenklischee!

Kritische StudentInnen klagen, dass an der TU Graz mit fortschreitender Verschulung, mit genauen Vorgaben, was im Entwerfen zu machen ist und wie das Plakat auszusehen hat, Kreativität behindert werde. Es scheine heute wichtiger, dass sich die ProfessorInnen profilieren als die StudentInnen. Je restriktiver diese Tendenz vorangetrieben wird, desto rascher wird sich der Widerstand formieren: dass frustrierte Junge auf der Suche nach ihrer Relevanz in dieser Welt wieder die gleiche Kernfrage stellen werden. Was fehlt uns, dass wir nicht beigezogen werden, wo es um die großen Herausforderungen geht? Um Mitgestaltung bei der Lebensumgebung der großen Zahl, der Alltagsumwelt.

Das wäre ein Megamarkt für ArchitektInnen mit entsprechender Orientierung und Ausbildung. Dafür müsste sich die Architektenschaft interessieren und kompetent machen. Dafür haben die 60er-Studenten Vordenken und Vorarbeit geleistet.

Die Frage „Was bleibt von der Grazer Schule?“ wäre umfassender zu diskutieren: Als ideologische Positionierung einer Gruppe von TH-Studenten in den 60er Jahren gesehen, war das die lokale Ausprägung eines weltweit virulenten Phänomens. In einer Bewegung mit dem Ziel, das Architektenangebot zeitentsprechend zu erneuern und dem Berufsstand wieder Relevanz zu geben. Auch die Hervorbringungen der „Grazer Schule“ sind in diesem Zusammenhang zu betrachten und zu bewerten. Und wer interessiert ist, hinter die Bilderzu schauen, kann durchaus pragmatische Anregungen finden.

Ist diese hochproduktive Zeit doch zu schnell beiseite gelegt worden, als formalistischer Überschwang einiger Technikromantiker? Wenn man hinter den Bildern nach einer konzeptuellen Basis sucht, stellt sich diese Bewegung als im Grunde pragmatisch dar. Mit eventuell doch wieder interessanten Strategien für ein Umpolen zu einem zeitgemäßen Architekturbegriff? Es könnte sich lohnen, die Strategieprogramme der 60er Jahre genauer anzuschauen.

Verfasser / in:

Konrad Frey
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

Sat 16/03/2013

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Infobox

Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S.130-150), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner und Konrad Frey zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen. Am kommenden Sonntag erscheint in der Reihe "sonnTAG" der Essay "Wie beeinflusste der Strukturalismus die "Grazer Schule" der Architektur" von Eugen Gross, aus eben dieser Publikation.

Kontakt:

Kommentar antworten