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Bericht
Keine Angst, es bleibt nicht so

Bericht von der Baustelle am Dach von Kastner & Öhler in Graz.

Blickt man derzeit vom Schloßberg hinunter auf die Grazer Altstadt, so ist die Baustelle zwischen der Sackstraße und der Mur nicht zu übersehen. In zwei Schichten wird am Dach des Traditionskaufhauses Kastner & Öhler gearbeitet – und noch mehr darunter, im Verborgenen. Unüberhörbar sind auch die Gespräche, in denen immer wieder – verunsichert bis entsetzt – die silberfarbene Blechverkleidung der ersten Teile des neuen Daches Erwähnung findet. Deshalb sei hier gleich zu Beginn beruhigt: Das ist noch nicht die endgültige Oberfläche!

Die große Aufmerksamkeit verdient das Projekt auf jeden Fall. Durch die Lage in der Schutzzone I des Grazer Altstadterhaltungsgesetzes und damit mitten im UNESCO-Weltkulturerbe geht es nicht nur um ein architektonisches Einzelobjekt, sondern um dessen Integration in ein über Epochen gewachsenes Ensemble.
Im Sommer 2005 konnte sich das spanische Architektenpaar Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano in einem geladenen Wettbewerb gegen hochkarätige österreichische und internationale Konkurrenz durchsetzen (siehe GAT #1831). Das sensible Eingehen auf die geschützte Grazer Dachlandschaft, insbesondere auf deren Kleinteiligkeit, zeichnet den Entwurf aus. Anstatt eine Großform in die Struktur zu implantieren wurde mit einer unregelmäßigen Sequenz von Sheddächern die Hauptrichtung der mittelalterlichen Dächer aufgenommen und diese – neu interpretiert – ergänzt. In der auf die Entscheidung folgenden intensiven und bisweilen lauten Diskussion über die Verträglichkeit des Projekts mit dem Weltkulturerbe wurde der Entwurf verfeinert und adaptiert. Höhe und Volumen des Dachausbaus wurden reduziert und die Trauflinie hinter die Firste der historischen Gebäude in der Sackstraße zurückversetzt. Drei der Sheds ragen weiterhin über die vorgesehene Traufhöhe hinaus, wodurch eine bessere Belichtung der Rolltreppenhöfe und eine Akzentuierung der Dachlandschaft erreicht werden. Für deren Oberfläche werden derzeit Materialtests mit ziegelfarbenen, vorpatinierten Bronzelegierungen durchgeführt.
Im Oktober 2006 wurde das Projekt schließlich von der UNESCO genehmigt, nachdem im Vorfeld sogar von einer möglichen Aberkennung des Titels Weltkulturerbe für Graz die Rede war. Schlägt man die Begründung für die Ernennung der Grazer Altstadt zum Weltkulturerbe nach, erscheint die Entscheidung eigentlich zwingend, steht hier doch: „Der städtische Komplex ist ein außergewöhnliches Beispiel einer harmonischen Integration der architektonischen Stile von aufeinanderfolgenden Epochen.“ Neues hinzuzufügen, ohne dabei die Spuren des Bestehenden zu verwischen, erscheint für Graz somit geradezu als eine Pflicht.

Anders als es der Eindruck in vielen Medien vermuten lässt, besteht das Projekt nicht nur aus dem Dachausbau und die Architekten sind nicht nur Nieto/Sobejano. Das 70 Mio. Euro teure Gesamtvorhaben gliedert sich in vier Bauphasen: die Erweiterung der Tiefgarage, den Neubau im Admonter Hof, den Umbau des K&Ö-Stammhauses und den Dachausbau. Für den größten Teil des Umbaus ist das Grazer „Architekturbüro Seifert“ verantwortlich, die Innenarchitektur stammt von „Blocher Blocher Partners“ aus Stuttgart. Eine besondere Herausforderung ist die Baustellenlogistik, da der gesamte Umbau während laufendem Betrieb geschehen muss. Die Verkaufsfläche ist oft nur durch temporär errichtete Wände von der Baustelle getrennt, die sich seit Anfang 2008 von Norden nach Süden durch die Gebäude arbeitet. Auf Flächen, die sich an einem Tag noch im Rohbau befinden, wird wenige Tage später schon wieder verkauft. Das weithin sichtbar am Baukran prangende Datum 20.10.2010 bezieht sich allerdings nur auf die Fertigstellung der Verkaufsflächen, die von rund 30.000 m2 auf 40.000 m2 erweitert werden. Der Dachausbau wird erst 2011 finalisiert.
Unter den Baustellenplanen am Dach wird auch der historische, 1910 von „Helmer & Fellner" errichtete große, überdachte Lichthof wiederhergestellt und erhält über die Sheds natürliches Licht. Die 1970 beim Einbau der Rolltreppen verkleinerten Deckendurchbrüche werden wieder geöffnet, zerstörte Bögen und Stuckverzierungen wiederhergestellt.
Im neuen Dachgeschoß befindet ein großes Restaurant mit drei Terrassen, von denen nahezu ein Rundumblick möglich ist. In 25 Meter Höhe offenbart sich schon auf der Baustelle eine große Qualität des Entwurfs: Man blickt nicht von oben auf die Grazer Dachlandschaft, sondern befindet sich in ihr, wodurch sie viel direkter erlebt werden kann. Der Betrieb des Restaurants ist auch außerhalb der Öffnungszeiten des Kaufhauses möglich, der Zugang erfolgt dann über die Lifte, die auch die Tiefgarage erschließen.

Die UNESCO, das Unternehmen K&Ö und auch die Stadt Graz haben sich mit diesem Projekt für einen aktiven Umgang mit dem Kulturerbe entschieden, für eine Weiterführung der Grazer Architekturtradition anstatt für eine reine Konservierung von Bestehendem. So kann ein weiteres Stück hochwertige Architektur im sensiblen Kontext der Grazer Altstadt entstehen.

Verfasser/in:
Martin Grabner, Bericht

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Wed 16/06/2010

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