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Bericht
Geschichten vom Rosenberg

Die Eichholzer Villa am Grazer Rosenhügel wird derzeit nach Plänen des Architektenteams fiedler.tornquist behutsam renoviert und modernisiert. Damit geht ein langer Kampf um den Erhalt des Baus glücklich zu Ende.

„Von außen sieht das Haus total unscheinbar aus. Da versteht keiner, was daran so besonders ist.“ Jördis Tornquist und Johannes Fiedler wussten wie viele andere nicht, dass der weiße, zweigeschossige Bau in der Rosenberggasse 18 von Herbert Eichholzer ist. Erst als das Haus Lind vor einigen Jahren zum Verkauf angeboten wurde, haben die beiden Architekten nachgeforscht und erfahren, dass es das letzte weitgehend unverändert gebliebene Werk des steirischen Architekten ist.

Für den in Graz geborenen Architekten Herbert Eichholzer, der als Widerstandskämpfer 1943 im Alter von neununddreißig Jahren hingerichtet wurde, ist eine einfache, klare Formensprache charakteristisch. Der Einfluss Le Corbusiers, in dessen Pariser Atelier er 1929 für ein halbes Jahr gearbeitet hatte, ist darin deutlich abzulesen. Haus Lind entstand 1935 – Eichholzer war schon seit mehreren Jahren wieder zurück in Graz - auf dem Gelände einer ehemaligen Maschinenfabrik. Sehr sparsam mit den vorhandenen Rohstoffen umgehend, entwickelte er, nach allen Regeln des internationalen Stils, aus dem Vorgängerbau ein modernes Gebäude. Für die Nord- und Ostfassade übernahm er die vorhandene Naturstein- und Ziegelmauer, die er mit wenigen Öffnungen versah. Nach Süden und Westen öffnete er die Fassaden mit einem um die Ecke laufenden Fensterband und mit einer großzügigen Dachterrasse. „Wichtig war ihm, dass Sonne und Licht in das Haus fallen, aber alles was nach bürgerlicher Selbstdarstellung aussieht, hat er tunlichst vermieden“, erklärt die Eichholzer-Expertin Dr. Antje Senarclens de Grancy die unscheinbare Erscheinung zur Straße hin.

Aus Sorge um den Bau initiierte fiedler.tornquist eine Unterschriftenaktion. Mit großem Erfolg: Das Denkmalamt wurde auf Haus Lind aufmerksam und stellte es 2001 unter Denkmalschutz. Johannes Fiedler und Jördis Tornquist halfen weiters bei der Suche nach Käufern, die bereit waren, sorgsam mit dem Erbe umzugehen. Die Stadt Graz hatte ihre Bereitschaft signalisiert, das Haus für eine öffentliche Nutzung zu kaufen. Ein privater Investor, die PG-Liegenschaftsverwaltung, kam ihr aber zuvor und erwarb es 2001. Der neue Eigentümer begann mit einer Sanierung nach Plänen von Ernst Giselbrecht, stoppte das Bauvorhaben aber recht bald wieder und „überließ das Haus dem Verfall“, wie die Architekten mutmaßen. Sobald ein Haus einen gewissen Verfallszustand erreicht habe, so Johannes Fiedler, dürfe es abgerissen werden, auch wenn es unter Denkmalschutz stehe. fiedler.tornquist schlug erneut Alarm und machte immer wieder in der Presse auf mögliche „Abbruchspekulationen“ aufmerksam. Dem Kampfe müde verkaufte die PG-Liegenschaftsverwaltung im März 2005 schlussendlich Haus Lind an die Grazer Arztfamilie Tamussino, für die fiedler.tornquist nun die Sanierung und Adaptierung durchführt.

Die Frage, ob sie sich nicht selber durch den Denkmalschutz Fesseln angelegt haben, verneinen die Architekten. „Die zwei Dinge, die uns wichtig waren, haben wir vom Denkmalamt genehmigt bekommen: Die Verlegung des Einganges von der Nordseite zur Straßenseite und die neue Terrasse. Mehr wollten wir gar nicht.“ Die Terrasse, eine fünf Meter auskragende, mit Holz verkleidete Stahlkonstruktion, die nicht am Haus, sondern auf der Stützmauer des höher gelegenen Geländes aufliegt, soll den neuen Bewohnern einen zusätzlichen großzügigen Außenbereich bieten.
Die jetzige Konstellation ist sicher die bisher glücklichste: Ein Bauherr, der in dem Haus wohnen wird (selbst eine öffentliche Nutzung hätte große Umbaumaßnahmen bedeutet), und Architekten, die sich intensiv mit der Geschichte des Hauses befasst haben. Einen Wermutstropfen gibt es aber: "Die Faltschiebefenster des auf schlanken Stützen ruhenden Gebäudeteils sollen durch Drehflügelfenster – mit der ursprünglichen Gliederung - ersetzt werden. Ein Nachbau der für das Haus charakteristischen Fensterkonstruktion wäre möglich, ist aber kostspielig. Es drängt sich hier die Frage auf, ob es nicht sinnvoll wäre, bei der Sanierung eines erhaltenswerten Bauwerkes auf jene Details zu achten, die den betreffenden Bau so unverwechselbar machen, auch wenn das eine oder andere Faktum dagegen steht.KONTAKT:
fiedler.tornquist
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_ Architekt DI Johannes Fiedler
_ DI Arch. Jördis Tornquist
Glacisstraße 31, 8010 Graz
T 0316/384047
F 0316/383197
fiedler.tornquist@aon.at
ZUR INFORMATION
(Anm. d. Architekten)

Die Grazer Architekten Johannes Fiedler und Jördis Tornquist (fiedler.tornquist) gründeten das "Komitee zur Erhaltung des Hauses Lind" und initiierten eine Unterschriftenaktion. Rund zweihundert Namen (u.a. Friedrich Achleitner, Volker Giencke, Eilfried Huth) war die Liste jener Personen lang, die sich im Jahr 2001 der “Initiative zur Erhaltung des Hauses Lind” anschlossen.

Einige Proponenten des Komitees waren:

Friedrich Achleitner
Pierre Alain Croset
Helmut Konrad
Peter Pakesch
Wolf Rauch
Peter Weibel
Karin Wilhelm

Auf die Unterschriftenaktion folgte eine Reihe öffentlicher Aktivitäten, z. B. ein Vortrag von Friedrich Achleitner in HdA am 11.3.2001, der Antrag im Stmk. Landtag durch ÖVP und Grüne. Das Haus Lind war auch Gegenstand der Ausstellung: „Moderne in dunkler Zeit“, Neue Galerie Graz, 2001, Studenten-Wettbewerb Eichholzer-Preis 2002

In besonderer Weise engagierten sich:

Günter Koberg (Land Steiermark)
Antje Senarcelns de Grancy (TU Graz)
Heimo Halbrrainer und Peter Hofmann (Uni Graz)
Edith Zitz (Grüne)

Verfasser / in:

Anne Isopp

Datum:

Wed 13/07/2005

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