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Festivalzentrum, atelier le balto: Ex-Zollamt, Graz
©: atelier le balto

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Bericht
Gefährliche Liebschaften und Gewinn versprechende Verbindungen im Steirischen Herbst

Diesmal sind es Alliancen, Mesalliancen und Falsche Freunde, denen sich der Steirische Herbst unter Titel und Leitmotiv Liaisons dangereuses widmet.

Naturgemäß bleibt es nicht allein dabei, diverse Techtelmechtel respektive Verhaberungen auf plakative Weise vorzuführen, vielmehr gelangen kritische und oft gefährliche Beziehungen im Sinn des Mehrsparten-Festivals zur polyartistischen Übertragung. Gesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft als insgesamt politische Phänomene werden behandelt.

Die „multiple Eröffnung“ findet am 20. September an mehreren Orten statt: In der Helmut-List-Halle präsentiert der Belgier Kris Verdonck eine Vision um den absurd anmutenden Werkkosmos des russischen Dichters Daniil Charms. Im Dom im Berg überschneidet die französische Choreographin Anne Juren Kafkas Amerika-Roman mit der Amerika-Installation von Martin Kippenberger. Das deutsch-französische Architektenkollektiv atelier de balto haben das Festivalzentrum auf dem Areal des vormaligen Zollamts am Bahnhofgürtel gestaltet (GAT berichtete). Dort hält Amund Sjølie Sveen aus Norwegen eine neue Performance-Lecture mit dem Titel Theory for Dummies, einen Schnellkurs in Sachen Finanzwirtschaft. Ebendort wird Liquid Assets eröffnet, die Herbstausstellung bildender Kunst, kuratiert von Katerina Gregos und Luigi Fassi. Hier sichtbar, geht es darin um undurchschaubare weltweite Geldströme. Nach Begrüßung seitens der Intendantin Veronica Kaup-Hasler folgen an diesem ersten Herbst-Freitag Acts von Jagwa Music und das Eröffnungsfest.

Die folgenden drei Wochen sind bestimmt von zahlreichen Ur-und Erstaufführungen wie Marzo, einer Zusammenarbeit der italienischen Künstlergruppe Dewey Dell, dem Dramatiker Kuro Tanino und dem japanischen Zeichner Yuicho Yokoyama. Irritierenden Verwandtschaften zwischen Tier und Mensch ist die Performerin Antonia Behr in ihrem Stück Abecedarium Bestiarium auf der Spur, während der Italo-Schweizer Massimo Furlan sich in einem Auftragswerk mit der Sportikone seiner Kindheit auseinandersetzt: Arnold Schwarzenegger.

Jeden Samstag, am späten Abend, werden im Festivalzentrum zwei internationale Bands vorgestellt. Zuvor gestalten in der Reihe One Night Stand jeweils zwei Künstlergruppen, die zuvor noch nie miteinander gearbeitet haben, einen Abend. Die Gruppierungen: RESANITA mit atelier de balto, die Rabtaldirndln mit Ann Liv Young und – sofern jemand befürchtet haben sollte, sie sei erzählte Geschichte – die Lord Jim Loge mit monochrom.
Zu dieser Merkwürdigkeit ein kurzer Exkurs: In einem Artikel des herbst-Magazins Theorie zur Praxis erklärt der uns nicht näher bekannte Autor Frank Teyssandier von Teyssandier-Springer, Art Consulting, Berlin, dass die Kunstneigungsgruppe monochrom im Jahr 2005 die Rechte an der in Graz gegründeten Lord Jim Loge (Sonne, Busen, Hammer; „Keiner hilft Keinem“ © Mathias Grilj) aus dem Nachlass von Jörg Schlick erworben habe. De facto erworben wurde der Logen-Stempel mit dem Logo, „aber mit ihm auch die Verwertungsrechte des Namens, des Logos, die Publikationsrechte der gleichnamigen Kunstbuchreihe und die operativen Rechte, mit der Loge zu verfahren, wie es ihnen [monochrom] richtig“ erscheint. – Treffen Sie also die Lord Jim Loge in Gestalt von monochrom.

Die gefährlichen Verbindungen reichen auch über Graz hinaus. Eine Performance (-Reihe) findet etwa in den Wäldern bei Peggau statt. United sorry (d.s. Robert Steijn und Frans Polestra) treiben mit einem Ensemble internationaler Performer ihr „theatrales Unwesen“. Das Gaststubentheater Gössnitz und das Theater im Bahnhof gehen mit einer Bearbeitung von Hans Leberts Roman Die Wolfshaut auf Tournee durch steirische Wirtsstuben. Ann Liv Young ist per LKW in der Steiermark unterwegs und bietet als Kunstfigur Sherry diverse Therapien an. Und der argentinische Theater- und Filmemacher Federico León entwickelt unter dem Titel Las Multitudes ein Tableau der Generationen mit etwa 100 Personen, das den Abschluss des Festivals bilden wird.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček
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Steirischer Herbst vom 20. September bis 13. Oktober 2013. Informationen zu Programm und Festivalorten unter www.steirischerherbst.at

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