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Essay
FORM & ENERGY Paradigmenwechsel

Parallel zur Dynamisierung der Gesellschaften mit dem neuen „Nervenkostüm“ – primär die Städte erhielten eine vorher unbekannte „zweite Natur“ – versuchten Künstler, Musiker, Architekten die Rückbindung dieser „Ströme“ in anthropomorphe und biomorphe Sinnfälligkeit. Die Erfindungen des Jugendstils, welche die alten, additiv geschichteten Formstrukturen hinter sich ließen, zelebrierten die frei und endlos schwingende, nervös strömende Dynamik ihrer (pseudo)vegetabilen Lineamente, - ein „Zurück zur Natur“ auf künstlich-technischen Wegen. Sieht man etwa Joseph M. Olbrichs Secession am Wiener Karlsplatz von 1898 mit diesem Hintergrund, entschlüsselt sich der Tempel für die Wiener Kunstrevolutionäre auf neue Weise. Die Kuppel aus vergoldetem, eisernem Blattwerk ist die Krone eines Lorbeerbaumes, der über die weißen Mauern des Pavillons hinauswächst und dessen Tektonik und Formsystem an etlichen Detailpunkten regelrecht „aufsprengt“. Dieser stilisierte Baum verweist nicht nur auf Apollo und die „Mutter Natur“, zu deren Wurzeln die Künstler aus der Dekadenz des Historismus „zurückkehren“ wollen. Er symbolisiert auch Apollos Widerpart Dionysos - die dionysische Urkraft der Natur als die eigentliche Energie von Kunst, Eros, Kultur, - und noch enger geführt bedeutet es ein Fanal für jene entfesselte Subjektivität in Kunst, Philosophie und Gesellschaft, im individuellen und kollektiven Bewusstsein der Moderne, die Olbrich aus seiner Befassung mit Richard Wagner und Friedrich Nietzsche dem klassischen Normen der Baukunst (und letztlich auch dem Rationalismus seines Mentors Otto Wagner) entgegensetzt.

Man könnte auf dieser  Linie fortsetzen und einen „roten Faden“ von Modellbauten rekonstruieren, die auf zeittypische gesellschaftliche Strömungen und Nutzungsmöglichkeiten der Ressourcen bauliche Antworten gaben: Vom Flusskraftwerk „Steyr-Durchbruch“, geplant 1908 vom Wagner-Schüler Mauriz Balzarek, einer der ersten und schönsten Anlagen dieser Art im Lande, über das Bauprinzip „Haus mit einer Mauer“, das Adolf Loos 1921 im Rahmen der Wiener Siedlerbewegung konzipierte, wo nach dem Ende der Monarchie und in der Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg tausende Familien Land aquirierten und autonome Kolonien mit privaten Nutzgärten gründeten, bis zu Ernst Plischkes Entwurf für ein Kraftwerk; er markiert 1924, ohne direkte realisierte Folgen, den Moment, wo in Österreich der Ausbau der Wasserkraft zur Stromgewinnung begann, nachdem aus den früheren Kronländern Böhmen und Schlesien keine Kohlelieferungen mehr zu erwarten waren; Franz Baumanns Seilbahnstationen an der Nordkette über Innsbruck zeigen 1927/28 heute noch vorbildliche Antworten auf das Vordringen maschineller Technik in hochalpine Bereiche; ebenso ist die geländeschonende und zugleich als „Bildersequenz“ geführte Trassierung der Großglockner Hochalpenstraße durch Franz Wallack eine Pionierleistung der Choreografie automobilisierten Verkehrs über die Gebirgslandschaft; und nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Roland Rainer in seinen verdichteten und autofreien Siedlungsplanungen die Maximen der Wiener Siedlerbewegung fort, wie auch sein Schüler Hans Purin mit der Haldensiedlung in Bludenz eine analoges Bau- und Wohnmodell realisierte - richtungsweisend für die Entwicklung der Vorarlberger Baukünstler der 1970er und 80er Jahre; Ähnliches gilt schließlich für Bauten von Josef Lackner, Gustav Peichl, Gerhard Garstenauer oder Ferdinand Schuster, die für das „mentale Kraftwerk“ Schule, für die „mediale Turbine“ der regionalen ORF-Zentren, für landschaftlich exponierte Orte der Rekreation oder für moderne Fernheizwerke originäre Raumereignisse schufen.

Parole
Was diese und andere, der Kürze halber hier nicht genannten Beispiele verbindet, gilt auch für die aktuellen Fragen der unumgänglichen Trendwende zur Energie-Effizienz und zu nachhaltiger Bauqualität: Es waren und sind vorerst jeweils „unsichtbare“ oder gleichsam noch „ungeformte“ Vektoren oder Technologien, die eine baulich-räumliche Antwort, eine Konkretisierung zur Sinnfälligkeit verlangten; es waren und sind jeweils neuartige, durch alte Formkonventionen nicht besetzte Bauaufgaben, die innovative Entwurfsansätze erforderten, ermöglichten. Und so sind die Themen des Umgangs mit Ressourcen, mit der thermischen Dynamik und Bilanz in Gebäuden, mit der Nutzung der Sonnenenergie, mit Konstruktionen aus natürlichen, erneuerbaren Rohstoffen, mit Stadtkonzepten, die Verkehr und Landflucht eindämmen als eminente Chance zu sehen: nicht nur um die Balance von Klima, Umwelt und Lebensstilen lokal und global zu „retten“, sondern auch, um ästhetisch und funktional zukunftsweisende Modelle zu generieren. Was die Ausstellung FORM & ENERGY zeigt, sind nicht Utopien, sondern bereits bewährte Handlungsmuster, die sofort in aller Breite angewendet, weitergetrieben, umgesetzt werden können – und müssen.

(*) Der Essay, verfasst im Frühjahr 2010, ist im Hinblick auf einige Zahlen und statistische Werte nicht mehr ganz aktuell, das grundsätzliche ist aber angesprochen.

(1) Zitat von Univ. Prof. Architekt Roland Gnaiger, in: Staatspreis 2006 für Architektur und Nachhaltigkeit, Wien 2006, S. 25, Endbericht der Jury

(2) Durch die Ausstellung „Just build it“ 2003 im Architekturzentrum Wien angeregt und durch den Wiener Gemeinderat Christoph Chorherr vermittelt konnten ab 2004 Studiengruppen österreichischer Architekturuniversitäten in den Townships von Johannesburg mehrere kleine soziale Bauten planen und mit Hilfe Ansässiger errichten. Auf dieser Erfahrung aufbauend setzte Anna Heringer ihre Diplomarbeit an der Universität Linz 2006 in Kooperation mit Eike Roswag in einer „Handmade-School“ in Rudrapur/Bangladesh um, die mit dem AR Award und dem Aga Khan Award ausgezeichnet wurde. Zwei Folgeprojekte von Heringer, ein Schulungsgebäude und drei Wohnhäuser in Rudrapur und Vishnupur aus Lehm und Bambus erhielten 2008 neuerlich den Aga Khan Preis. Weitere Literatur: Fattinger Peter u. Orso, Franziska (Hg.): Orange Farm Township Project, Wien 2004; Kunstuniversität Linz / Die Architektur (Hg.): Living Tebogo. Bauen in Südafrika, Linz 2005; Fattinger Peter, Institut für Architektur und Entwerfen, Abt. Wohnbau und Entwerfen, Technische Universität Wien (Hg.): Orange Farm Township Projekt 2006, Wien 2006.
(3) Graf, Otto Antonia: Die vergessene Wagnerschule, Wien 1969, S. 22
(4) Asendorf, Christoph, in: Ströme und Strahlen. Das langsame Verschwinden der Materie um 1900, Werkbund-Archiv Band 18, S.64, Gießen 1989

Verfasser / in:

Otto Kapfinger

Datum:

Mon 16/12/2013

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Wanderausstellung
Form & Energy
Energy efficient Architecture in_from Austria

Eröffnung/Katalogpräsentation:
Wien, Ringturm, 5/2010

On Tour:
_ Japan, 2011
_ Rabat (Marokko), 4/2011
_ Hongkong (China), 9/2011
_ Zagreb (Kroatien) 4/2012
_ Oslo (Norwegen) 4/2013
_ Tallinn (Estland) 11/2013
_ Narva (Estland) 12/2013 - 3/2014
Für 2014 geplant:
Nairobi (Kenia)
Ottawa (Kanada)

Katalog zur Ausstellung
(englische und deutsche Fassung)
Otto Kapfinger, Adolph Stiller (Hg.)
Form & Energy
Architecture in_from Austria
156 Seiten
ISBN 978-3-99014-033-8

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