Screenshot Drive my Car, Viennale
DRIVE MY CAR. Bild: Screenshot Red. GAT, s. Link > viennale.at
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Kolumne
Filmpalast – 26
DRIVE MY CAR

DRIVE MY CAR ist der seltene Fall einer Literaturverfilmung, die besser ist als die hochkarätige Vorlage. Immerhin basiert der Film von Ryusuke Hamaguchi auf zwei Geschichten aus einem Erzählband des japanischen Kultautors Haruki Murakami mit dem Titel „Von Männern, die keine Frauen haben“. 

In der einen Geschichte wird ein Mann einmal pro Woche von einer Art Haushälterin – ob bezahlt oder aus eigenem Antrieb bleibt unklar -  auch sexuell versorgt. „Scheherazade“, der Titel zitiert wenig überraschend die „Märchen aus 1000 und einer Nacht“, da die Frau dabei jedesmal eine Fortsetzungsgeschichte liefert. Ihre letzte, in der sie als Schülerin immer wieder in das leere Haus eines von ihr begehrten Mitschülers einsteigt, erzählt sie nicht zu Ende, weil sie nicht mehr auftaucht. In der zweiten Geschichte „Drive My Car“, hat ein Schauspieler seinen Führerschein verloren (Alkohol) und wird von der Fahrerin einer Autovermietung täglich eine Stunde hin und her zu seinem Arbeitsplatz gefahren. 

Hamaguchis Film DRIVE MY CAR verschmilzt die zwei Geschichten miteinander und reichert sie mit zusätzlichen Motiven an. Die Absorption und Transformierung unterschiedlicher Texte ergibt eine erhellende Interkontextualität, hat dem neuen Regiestar des Weltkinos 2021 in Cannes zu Recht den Preis für das beste Drehbuch eingebracht. Aus der Haushälterin aus  „Scheherazade“ macht er Oto, die Frau des Schauspielers, der nun als Regisseur Kafuku arbeitet. Das Paar führt eine scheinbar ideale Ehe, aber der Tod der vierjährigen Tochter Jahre zuvor und die wechselnden Liebhaber der erfolgreichen Fernsehautorin werfen Schatten auf die Beziehung. Just vor der unvermeidlichen Aussprache stirbt Oto unvermutet. Erst nach diesem 45-minütigen Vorspiel, der „Backstory“, erscheinen die Credits auf der Leinwand und die eigentliche Geschichte setzt ein. 

Kafuku, nun seit zwei Jahren Witwer, ist in Hiroshima (!) eingeladen im Rahmen eines Workshops Tschechows „Onkel Wanja“ zu inszenieren. Aus Versicherungsgründen muss er die Fahrerin Misaki akzeptieren, besteht aber auf seinem eigenen Saab, da er während der langen Fahrzeiten „Onkel Wanja“ von altmodischen Kassetten abhören will. Die unzugängliche Misaki erweist sich als ausgezeichnete Fahrerin und steht ohne Klage fast rund um die Uhr bereit; ansonsten ist sie aber eher unzugänglich.  DRIVE MY CAR mag ein Roadmovie sein, aber keinesfalls ein Buddyfilm.

Oto, die Verstorbene, hat zu Lebzeiten alle Rollen von Tschechows berühmter Tragikomödie bis auf jene des Titelhelden eingelesen. Der verwitwete Regisseur muss die Leerstelle, die des einsamen Wanja ausfüllen. Aber auch die anderen Rollen in Tschechows Stück werden den eigenen, realen Verlusten, Versäumnissen und Ängsten der mitwirkenden Schauspieler entsprechen. Fast ist es umgekehrt, der Text spielt die Schauspieler.  

Auf dem Hintergrund von „Onkel Wanja“ wird in DRIVE MY CAR - was eher nach einem Actionmovie klingt - das Anekdotische der Kurzgeschichten von Murakami zum Romanhaften, der Film gerät zu einer Erzählung über die conditio humaine. Wenn Hamaguchi das Casting, die Proben, die Probleme der Schauspieler und zu guter Letzt die Premiere zeigt, wird seine Literaturverfilmung zu einem Theaterfilm, ohne jedoch ihren epischen Charakter zu verlieren. Insofern erinnert DRIVE MY CAR an Hamguchis Vorbilder John Cassavetes und Jaques Rivette. Und die langen Fahrten über die Highways oder durch die Tunnels von Tokio bzw. Hiroshima und später die Straßen weit hinauf in den verschneiten Norden Japans, erinnern an die besseren Roadmovies. Der altmodische Saab 900 mit Schiebedach wird zur Zeitkapsel, und wenn Kafuku und Misaki in dem kostbaren Auto rauchen, ihre Zigaretten aber hinaus in den Fahrtwind halten, beschwört der Regisseur Hamaguchi eine Zeit, in der Jugendrevolten und Kinoerfindungen spielerisch zusammengingen. 

An dem Casting nimmt auch ein bekannter Fernsehstar teil. Der letzte Liebhaber der Verstorbenen, den sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen wollte, sehnt sich danach mehr zu erfahren. Der Regisseur akzeptiert den Liebhaber, der sich ihm später geradezu aufdrängen wird, verschweigt ihm jedoch, dass er von dessen Beziehung zu seiner Frau weiß. Indem er dem eigentlich viel zu jungem Star die Rolle des unglücklich Liebenden Wanja spielen lässt, die er nicht mehr spielen will, versucht er vielleicht sein eigenes Trauma zu überwinden.

Unter den anderen Spielern finden sich neben Japanern auch eine Taiwanesin und eine Koreanerin. Die fast dokumentarisch gefilmten Probelesungen zählen zu den intensivsten des dreistündigen Filmes. Wer liest muss am Ende auf den Tisch schlagen, um das den Fremdsprachigen zu signalisieren, was dem Drama einen neuen Rhythmus verleiht. DRIVE MY CAR ist auch ein Film über erschwerte bzw. ungewohnte Kommunikation. Zu den am meisten anrührenden Figuren zählt die der gehörlosen Schauspielerin aus Südkorea, die sich in Gebärdensprache mitteilt. Ursprünglich war sie Tänzerin, aber ihr Körper hat nach dem Verlust ihres ungeborenen Kindes die Fähigkeit zu tanzen verloren. Ihre Auftritte funktionieren nicht nur, sie werden sogar am gespanntesten erwartet und lassen neue Möglichkeiten des Theaterspielens ahnen. 

Auch die ruppige Fahrerin leidet wie Onkel Wanja, wie der Regisseur, wie das ganze (Menschheits)Esemble unter einem Verlust. Erst bei der Tänzerin, nachdem sie eine Einladung in Begleitung des Regisseurs nicht vermeiden kann, löst sich Misaki aus ihrer Erstarrung und spielt intensiv mit einem Hund. 

Das ruhige Fahren musste sie auf den Fahrten lernen, auf denen sie ihre schlafende Mutter morgens nach deren Arbeit als Prostituierte wieder ins Dorf  brachte. Als diese bei einem Erdrutsch in ihrem Haus verschüttet wurde, holte die Tochter keine Hilfe und seither belastet sie, dass der Tod der mürrischen Mutter sie damals womöglich erleichterte. Einmal bringt die Fahrerin den Regisseur zu der supermodernen Müllentsorgungsanlage in Hiroshima, hier habe sie nach ihrer Flucht aus dem Norden einen Lastwagen gefahren. Dass die unzähligen Abfallpartikel für ihr Leben stehen könnten, sagt sie nicht. 

Der impulsive Fernsehstar wird vor der Premiere wegen Totschlags verhaftet,  und bringt das Theaterprojekt in Gefahr, da es mit ihm den Titelhelden verliert. Wanja könnte nur vom Regisseur gespielt werden, dazu müsste er sich aber einem Verlust stellen, den er für überwunden geglaubt hat. Während einer zweitägigen Bedenkfrist fährt er mit Misaki in den verschneiten Norden, um das verschüttete Haus ihrer Mutter aufzusuchen. Danach entschließt er sich zu spielen und die Premiere gelingt. 

DRIVE MY CAR endet mit der Fahrerin, die nach dem Einkauf im Supermarkt in den roten Saab steigt, wo der Hund der gehörlosen Schauspielerin bzw. Tänzerin auf sie wartet. Klassisches Happy End ist das keines. Eher die Wiederaufnahme einer conditio humaine, in der die vielfältigen Möglichkeiten demonstriert werden, Enttäuschungen und Verletzungen durch das Leben zu heilen. All das filmt Hamaguchi ohne große Gefühle zu bedienen, mit eleganter Untertreibung und einer hellen Genauigkeit, die die Neugier der Zuseher noch vergrößert.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Fri 28/01/2022

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Filmkritik
von Wilhelm Hengstler

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