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Kommentar
Die Neumissionierung der Reininghausgründe

Das Geheimnis um den deutschen Investor, an den Ernst Scholdan die Reininghausgründe überraschend verkauft hatte, wurde gestern bei einer Pressekonferenz des Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl gelüftet. Es handelt sich um die Petruswerk Katholische Wohnungsbau- und SiedlungsgesellschaftmbH, die zur AVILA Management & Consulting AG Berlin gehört und an deren Spitze der promovierte Theologe Dr. Douglas Fernando steht. Dieser betonte bei der gestrigen Pressekonferenz mehrfach seine christlichen Werte und erläuterte, dass hinter Petruswerk die 2006 gegründete Karmel Missionsstiftung – Dr. Fernando des Ordens der Teresianischen Karmeliten (Karmel) in Linz und in München, mit Sitz in Berlin, steht. Diese Stiftung profitiert von den Gewinnen der Unternehmensgruppe, die wiederum vor allem in Indien engagiert ist, um benachteiligten Menschen den Zugang zu Wohn-, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen zu ermöglichen.

Bekannt ist das Unternehmen in Österreich vor allem in Linz, wo es derzeit mit der Umsetzung der Donaupromenade im Winterhafen von Hohensinn Architektur beschäftigt ist. Ein weiteres Großprojekt der Unternehmensgruppe ist der Wissenspark in Salzburg-Urstein von kadawittfeldarchitektur GmbH aus Aachen, das bis 2014 realisiert werden soll. Zudem ist Petruswerk in Linz seit 2008 mit zwei Firmen, der Petruswerk Projektentwicklungs- und Liegenschaften AG und der Petruswerk Grundbesitz GmbH, vertreten, die wiederum die KOOP Lebensraum Beteiligungs-AG gekauft haben. Diese fungiert als Holding für die AREV Immobilien GmbH und die Aktivbau GmbH. Das gesamte Firmenkonstrukt umfasst rund 800 Mitarbeiter und ist eine „größere Nummer“, wie Ernst Scholdan gestern betonte. Er sah sich durch die Einberufung einer Sondergemeinderatssitzung der Opposition, die für kommenden Freitag angesetzt war, zunehmend unter Druck gesetzt und befürchtete, „dass es die nächsten zehn Jahre keine Möglichkeit zu investieren gibt“. Stillstand wäre die Folge gewesen. „Reininghaus ist politisch geworden“, fügte Scholdan lapidar hinzu, das „Privatwirtschaftliche ist zum Gegenstand eines Sondergemeinderates“ geworden. Er wollte mit dem Verkauf in erster Linie seine Vision retten, mit der er vor fünf Jahren nach Graz gekommen war. Diese geriet durch die Wirtschaftskrise, die Verwehrung der Umwidmung der Reininghausgründe und den Widerstand der politischen Opposition in Gefahr. Scholdan wird bei der Umsetzung des Projekts Reininghaus eine noch nicht näher definierte Rolle einnehmen. Zudem teilte er gestern mit, dass er auch die Gründe in Graz-Puntigam verkaufen werde und sich aus dem Paket der Reininghausgründe rund 11.000 m² für Tennisplätze sichern wolle.

Das nun unter christlichem Vorzeichen stehende Projekt soll die „negative Kraft in eine positive umwandeln“, meint Bürgermeister Siegfried Nagl, der es nun als einen neuen Versuch sieht, Reininghaus zu entwickeln. „Dazu werden wir wieder alle einladen. Denn gemeinsam wollen wir uns jetzt mehr anstrengen“ (…), um zu einer positiven gemeinsamen neuen Entwicklung zu gelangen.“ Insgesamt beurteilt der Bürgermeister die neue Situation als positiv, da ihm die Investorensuche abgenommen wurde. Zudem liegt ein Masterplan der ARGE Atelier Thomas Pucher ZT GmbH & Bramberger [architects] vor, der die Rahmenbedingungen für die Bebauung der Reininghausgründe vorgibt. An der Vision einer „Zero-Emissions-City“ wollen die beiden Regierungsparteien festhalten (Artikel in „BürgerInnen-Information Graz“ (BIG), Dezember 2010, S. 14). Dazu läuft derzeit eine Begutachtung, ob für die Entwicklung des Areals eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt werden müsse. Denn für Nagl gilt es weiterhin, Reininghaus als Stadtteil zu entwickeln. „Die Idee Reininghaus steht nach wie vor“, betont der Bürgermeister, „das werde ich persönlich vorantreiben“.

Uneinigkeit zwischen Stadt und Investor herrscht allerdings beim Tempo der Umsetzung. Während Nagl ursprünglich meinte, dass die Vision von Reininghaus in 20 bis 25 Jahren zu entwickeln sei, meinte er bei der gestrigen Pressekonferenz, dass für Graz in den nächsten 15 Jahren ein Bevölkerungsplus von 60.000 Einwohnern prognostiziert werde, wodurch die Kapazität für eine schnellere Entwicklung vorhanden wäre. Fernando stellte klar, dass er sicherlich keine 25 Jahre investieren werde und auf Wunsch bereits in sechs Wochen (sic!) bauen könnte. Es sei geplant, bereits in den ersten drei Jahren rund 7,5 ha zu verbauen. Das Projekt sei durch den Rahmenplan gut vorbereitet und bei gutem Willen der Stadt und der Behörde ließe sich der neue Stadtteil in sechs bis acht Jahren entwickeln. Über die Idee der „Zero-Emission“ und der Nutzung des Areals müsse man noch nachdenken. Als Aufgaben von Petruswerk sieht Fernando die Logistik, Konzeptentwicklung und Investorensuche. Die Höhe des Gesamtinvestments könne noch nicht beziffert werden. „Ein neuer Investor hat die Usancen wahrzunehmen, die wir haben“, konterte der Bürgermeister und fügte hinzu, „das betrifft auch das Tempo.“

Im Sinne der Aussage von Bürgermeister Nagl, dass Graz für gute Architektur stehe und auch City of Design werden wolle, bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung und die Qualitätssicherung bei den Bauvorhaben in Reininghaus mithilfe eines sehr gut besetzten Fachbeirats, durch offene Wettbewerbsverfahren und eine öffentliche Diskussion erfolgt und nicht ausschließlich hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Verfasser/in:
Petra Kickenweitz, Bericht

Verfasser / in:

Petra Kickenweitz

Datum:

Tue 11/01/2011

Kommentare

Stellungnahme Stadtplanungsamt

Im Stadtplanungsamt ist man derzeit noch zu keiner öffentlichen Stellungnahme bezüglich Reininghausgründe bereit.

stadtplanungschef

weiß jemand wie dazu die meinung des neuen sdtadtplanungschefs aussieht

Vorgaben der Stadt Graz sind zu akzeptieren

Dem Investor ist zu vermitteln, dass er die Vorgaben der Stadt zu akzeptieren hat. Dies sind im Fall der Reininghausgründe wenigstens der vorliegende Masterplan, die Durchführung von Architekturwettbwerben und/oder die Begutachtung von Projekten durch den Fachbeirat (der ehestmöglich zu besetzen ist, damit dieser seine Arbeit aufnehmen kann und dessen Empfehlungen für die Stadt Graz bindend sein sollten). Es muss ein Prozess eingeleitet werden, der höchstmögliche architektonische und ökologische Qualität garantiert, ohne sich dabei dem Zeitdruck des Investors zu beugen.

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