Der Wohnbau des Modell Steiermark – Teil 2 | www.gat.st
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Terrassenhaussiedlung in Graz-St. Peter, Werkgruppe Graz, 1965 – 1978
©: Werkgruppe Graz

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Bericht
Der Wohnbau des Modell Steiermark – Teil 2

Im Jahr 1969 drückte der Architekt und Karikaturist Gustav Peichl Kritik an dem System des Wohnbaus unter seinem Synonym Ironimus aus. Die Karikatur Der Wohnbaubomber stellt die hügelige Steiermark mit einem überquerenden Flugzeug dar. Das Luftfahrzeug, betitelt als Wohnbaugenossenschaft 'Schöne Heimat', wirft monotone Einheitswohnbauten über der Landschaft ab. Diese variieren in ihrer Größe, gleichen sich jedoch in der Typologie. Die dargestellte Kritik durch die Karikatur kann im zeitlichen Zusammenhang der 68er Generation verstanden werden. Das Aufbegehren der Jungen gegen bestehende Systeme, Denkweisen und Ansichten ist ein Sinnbild des gesellschaftlichen Generationenkonflikts dieser Zeit, welcher sich auch in der Politik der Steiermark niederschlug.
Gespräche mit den Protagonisten des Modell Steiermark und persönliche Notizen von Friedrich Gross-Ransbach, Mitglied der Werkgruppe-Graz, legen die Vermutung nahe, dass sein Weingartenhaus in St. Stefan ob Stainz der Geburtsort des politischen Programms Modell Steiermark ist. In den Jahren 1968–1973 wurde, zeitlich parallel zur Entwicklung der Terrassenhaussiedlung in Graz-St. Peter ein permanentes Gespräch gesucht, um Zukunftsaussichten für das Land Steiermark zu umreißen. In den unterschiedlich besetzten Gesprächsrunden wurden die Grundlinien eines Entwicklungsmodells für die Steiermark erarbeitet, die schließlich in die Studie Steiermark – Chancen, Grenzen, Möglichkeiten und in weiterer Folge in das politische Programm der ÖVP Modell Steiermark mündeten. In der Ausarbeitungsphase wurde das Gesamtkonzept in 14 Arbeitskreisen mit insgesamt 164 Politikern und Experten erarbeitet. Das entscheidend Neue des Modell Steiermark - Konzeptes war die Betrachtung des Ganzen. Der Blick war auf die Zusammenhänge und weniger auf die Details gerichtet.
Am 02.07.1971 wurde offiziell mit der Arbeit am Modell Steiermark begonnen. Das Gesamtprogramm wurde am 02.10.1972 unter dem Titel ÖVP; Modell Steiermark; Vorschläge die Zukunft unseres Landes zu gestalten erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Ein wichtiger Grundsatz war, eine bessere Information und insbesondere mehr Mitbeteiligungsmöglichkeiten der Bürger herzustellen. Der Arbeitskreis Neues Wohnen führte Architekten, Experten und Beamte zusammen, die gemeinsam die Probleme und Schwachstellen des gegenwärtigen Wohnbaus aufzeigten und die Möglichkeiten zur Verbesserung diskutierten. Darauf aufbauend und unter Einbeziehung der Erkenntnisse und Forderungen im Rahmen der Projekte Terrassenhaussiedlung von der Werkgruppe Graz und Eschensiedlung von Eilfried Huth wurden im Rahmen des politischen Programms Modell Steiermark Ziele und Maßnahmen für den steirischen Wohnbau der 1970er formuliert.
Das Hauptproblem sah man in der gegenwärtigen Planung. Diese “[...] läßt den persönlichen Wünschen der Wohnungssuchenden keinerlei Raum und trägt sehr oft selbst Minimalforderungen nach sinnvollem und ästhetischem Wohnen keine Rechnung.“ Die Grundannahme beruhte darauf, dass die Qualität der Wohnung einen mitentscheidenden Faktor zur Zufriedenheit des Menschen mit sich und seiner Umwelt darstellt.
Eine Vielfalt an architektonischen Lösungen und Wohnformen mündete in 27 steirische Wohnsiedlungen, die sich wohltuend vom üblichen schematischen Wohnbau auch heute noch abheben. Die Architekten waren mit viel Engagement angetreten, um den Beweis zu erbringen, dass bei „ [...] gleichen finanziellen Mitteln, wie sie die gemeinnützigen Bauträger für sich beanspruchen, mehr städtebauliche, architektonische und planerische Qualität sowie eine Vielfalt an Wohnformen und Wohnungsgrundrissen und -typen – im Gegensatz zum schematischen Wohnbau vieler Genossenschaften – erreicht werden kann.“ Zusätzlich soll erwähnt sein, dass die Projekte einen Anteil von ca. 5% des insgesamt errichteten Wohnbaus in der Steiermark dieser Zeit ausmachten.
Als baukulturelles Erbe stellen die Wohnbauprojekte des Modell Steiermark einen schützenswerten Bestand dar. Das Bewusstsein hierfür ist innerhalb der Bewohnerschaft, aber auch innerhalb der gesamten Bevölkerung herbeizuführen. Die Wohnbauprojekte des Modell Steiermark sind Beispiele für nach wie vor gültige Lösungen des Bestrebens, Wohnen und Zusammenleben über die reine Unterbringung und Produktion von Quadratmetern hinaus zu gestalten. Das Experiment des Austauschs mit den Menschen birgt Risiken und Gefahren, denen sich das Modell Steiermark gestellt hat. Das Modell Steiermark als wohnungspolitisches Experiment stellt in diesem Sinne ein Beispiel für eine aktive, innovative Vorgehensweise und eine Möglichkeit zur positiven Veränderung eingefahrener Systeme dar. Die Kenntnis und Besinnung auf diese Konzepte kann zur Triebfeder neuer Ansätze führen. Die politische Unterstützung im Bereich des sozialen Wohnbaus ist hierfür wünschenswert. Eine erneute Öffnung hin zu partizipativem Wohnbau würde eine sinnvolle Ergänzung zu den konventionellen Wohnbauten der heutigen Zeit darstellen. Das offene Gespräch mit allen an der Wohnbaufrage Beteiligten ist die Voraussetzung für jedes Projekt. Die Worte von vor 30 Jahren des ehem. steirischen Landesrates Herrmann Schaller, als politisch Verantwortlicher des Wohnbaus des Modell Steiermark, haben an Aktualität nichts verloren:
„Ich verhehle [...] nicht, dass ich bedrückt bin von der Monotonie im sozialen Wohnbau, vom Mangel an Phantasie. Wir haben noch ein reiches Feld von Arbeit vor uns.“

Verfasser / in:

Andrea Jany

Datum:

Wed 16/05/2018

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Infobox

Der Wohnbau des Modell Steiermark – Teil 2
Andrea Jany zur Dissertation, die sie im April 2015 an der TU Graz fertigstellte.

Die Arbeit wurde von Anselm Wagner, Univ.-Prof. Mag.phil. Dr.phil., Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, TU Graz und Dieter Reicher, Assoz. Prof. Mag. Dr.rer.soc.oec, Institut für Soziologie, Karl-Franzens-Universität Graz betreut.

Die Dissertation liegt am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, in der Bilbliothek der TU Graz sowie am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität in Graz auf. 

Die gesamte Forschungsarbeit wird im Rahmen der Buchreihe architektur + analyse im Jovis-Verlag publiziert.

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