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Glosse
DER PLATZ IM KOPF DES BETRACHTERS

Der Andreas-Hofer-Platz ist kein Platz, auch wenn er dem Auge des Betrachters so erscheinen will. Der Betrachter hat einen Platz im Kopf, der aber mit dem wahren Andreas-Hofer-Platz nichts zu tun hat. In den Kopf des Betrachters passt der wahre Platz nicht hinein. Vom Bewusstsein des Betrachters ist der Platz, der kein Platz ist, unabhängig. Der Betrachter kann ihn nicht erkennen, aber das macht den Nicht-Platz nicht nicht vorhanden. Durchaus nicht.

Es mag ein sprachliches Problem sein, hinter dem sich ein erkenntnistheoretisches verbirgt: Was Platz genannt wird, wird auch als Platz wahrgenommen. Würde der Andreas-Hofer-Platz etwa Andreas-Hofer-Allee genannt, würde er anders gesehen werden. Freilich hat die Sprache hier Grenzen, denn als Andreas-Hofer-Park würde er wohl auch bei den Wortgläubigsten nicht durchgehen.

Auch wird der Andreas-Hofer-Platz von vielen, vor allem älteren Betrachtern hartnäckig Fischplatz genannt, obwohl sich auf dem Andreas-Hofer-Platz keine Fische tummeln, weder Forellen noch Karpfen, es werden auch keine Fische angeboten, es wird wohl einmal einen Fischmarkt gegeben haben, aber das gehört ins Reich der Historie, vielleicht auch der Sage und Legende, und hat uns hier nicht weiter zu interessieren. Es ist natürlich vorstellbar, dass mancher Betrachter Fischschwärme imaginiert, möglicherweise sogar Flugfische, aber wir wollen uns hier an die harten Fakten halten.

Der Andreas-Hofer-Platz ist ein Bauplatz, er kann jederzeit bebaut werden, er ist auch schon jetzt mit einer Tankstelle bebaut. Über diese Tankstelle wird hinweg gesehen, denn diese Tankstelle stört den vermeintlichen Platz-Charakter.

Bezeichnenderweise ist schon länger davon die Rede, den Platz seiner Bestimmung als Bauplatz gemäß zu bebauen, aber es tut sich nichts. Mag sein, dass der provisorische, ja uneindeutige Charakter des Platzes, seine Scheinhaftigkeit, erhalten bleiben soll, auch wenn das nicht offen ausgesprochen wird. Wir haben uns daran gewöhnt, dass nichts offen ausgesprochen wird.

Von einer möglichen „Höhenentwicklung“ sprach die seinerzeitige Stadträtin, Hochhäuser könnten in den Himmel wachsen, Grazer Twintowers womöglich gar, als neues Wahrzeichen. Von der Geschäftsnutzung bis zum Casino wurden dem Platz alle Möglichkeiten zur Weiterentwicklung offen gehalten. Aber die Stadträtin ist nicht mehr im Amt, der Andreas-Hofer-Platz überdauert alle angeblichen Pläne, die andere mit ihm haben, eher noch werden auf ihm wieder Fische verkauft als traurige Existenzen in Spielcasinos vernichtet.

Ein Wettbewerb sollte initiiert werden, aber selbst wenn es dazu kommen sollte, wird wohl kein Projekt realisiert werden. Und falls wider Erwarten und gegen jede Wahrscheinlichkeit doch, so wird die Veränderung vom Betrachter ausgeblendet werden, der Andreas-Hofer-Platz wird der Fischplatz bleiben. So sieht es aus.

Verfasser / in:

Günter Eichberger

Datum:

Tue 21/07/2009

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