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Vjenceslav Richter, "Synthurbanismus, Querschnitt durch einen Zikkurat", 1963-64, MSU Zagreb/Archiv Richter
©: MSU Zagreb/Museum für zeitgenössische Kunst Zagreb

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Rezension
Das Gemeinsame und das Vielfache

1963 hatte Vjenceslav Richter eine Idee zur kroatischen Stadt der Zukunft.
Für das Ausgangsmodell reiste er weit zurück in der Vergangenheit. Eine mesopotamische Zikkurat im Ultra-X-Large-Format wird zu einem Konglomerat neuen urbanen Lebens. Eine Megastruktur mit riesiger Grundfläche ist die Basis für einen Lebensraum von zehn- bis zwölftausend Menschen. Sie ist ein überdachter und klimatisierter öffentlicher Raum, der Geschäften, Restaurants, Galerien, Kinos und einer großen Versammlungshalle Fläche bietet. Darüber erheben sich fünfzehn Stockwerke bis zu einer großen, offenen Dachterrasse. Hier mischen sich Wohnen, Arbeiten und Freizeitsbelange. Hunderte solcher Zikkurats sollten entlang achteckiger Straßensysteme Stadt neu definieren.
Das Argument waren damals Zeitersparnis für den Weg zur Arbeit, Synergie von Alltagsabläufen und Verkehrsentlastung. Der Privatautobesitz begann – wie in den übrigen europäischen Städten – auch im ehemaligen Jugoslawien rasant anzusteigen.
Der Synthurbanismus ist der authentische, eigenständische Versuch, das Leben auf andere Weise zu organisieren. Die Herausforderung liegt in der Frage, wie alle Lebensbedürfnisse der Menschen in einem großen Objekt vereint werden können. (Vjenceslav Richter).
Anlässlich seines 100. Geburtstag wurde im Vorjahr dem 2002 gestorbenen Architekten, Stadtplaner, Grafiker, Künstler, Forscher und Visionär im Museum für zeitgenössische Kunst seiner Heimatstadt Zagreb eine umfassende Retrospektive gewidmet. Einen Großteil dieser Schau kann aktuell nun auch in der Neuen Galerie des Universalmuseum Joanneum  in Graz gesehen werden.

Richter war Teilnehmer von trigon 67 und 75 und hatte schon einmal – bei trigon 72 – eine Personale in der Neuen Galerie.  1967 stellte er seine geteilte Sphäre vor, die in ihrem Wechselspiel aus Würfel- und Kugelform sich auf die Suche nach den unsichtbaren Räumen, dem nur marginal wahrgenommenen Dazwischen, machte.
Für trigon 75 ging Richter noch einen Schritt weiter. Das schwarze Loch war ein explodierter Würfel, dessen Innenseiten großformatige Köpfe des Künstlers zeigten, die mit Collagen von eigenen Werken überlagert wurden. (Eine animierte Version des Würfelinneren kann im Stiegenaufgang zur Ausstellung in der Neuen Galerie betrachtet werden).

Richter war für spektakuläre Bauten verantwortlich. Der jugoslawische Pavillon auf der Expo 58 musste zwar auf seine dramatische Abhängung von einer gigantischen Mittelsäule verzichten, zeichnete sich aber durch seine offene und lichtdurchflutete Bauweise aus. Sein türloses Konzept wurde als Symbol der besonderen politischen Position Jugoslawiens innerhalb der kommunistischen Länder in Europa nach der Abkoppelung von Moskau gedeutet.

Der Pavillon auf der 13. Triennale in Mailand 1964, die Freizeit zum Thema hatte und von Umberto Eco und dem Architekten Vittorio Gregotti gestaltet wurde, wiederum wurde zu einem dichten Konstrukt aus Holzlatten, auf denen – zerschnitten – Fotografien angebracht wurden. Je nach Bewegung des Betrachters wurde das Gesamtmotiv sichtbar oder verschwand wieder.

Schon 1956, als Richter noch Mitglied der wegweisenden Künstlergruppe EXAT 51 war, gelang ihm gemeinsam mit seinem Kollegen Zdravko Bregovac einer seiner größten internationalen Erfolge. Sie gewannen mit ihrem geschlossenen Ausstellungspavillon mit weitläufigem Atrium und einem zweiten Pavillon für sonstige Verwendungszwecke als Appendix den Wettbewerb für das Archäologiemuseum in Aleppo. Mittlerweile wurde dieses rare Zeugnis ehemaliger, jugoslawischer Architekturkunst im syrischen Bürgerkrieg zerstört.

Die wirklich sehenswerte Schau in Graz zeigt einen Menschen, der fließend die Grenzen zwischen praktischer Architektur, Theorie und Kunst aufhob. Das Gesamte, das Systemische ist das Leitmotiv durch das Gesamtwerk Richters.
Und immer wieder ist da ein Traum spürbar, dem Materiellen die Erde zu entziehen, die Leichtigkeit zurückzugeben. Das zeigen seine frühen Arbeiten, das zeigen die transparenten Raumbilder in seinem Spätwerk.
Wortwörtlich herausragend sichtbar wird das in der Ausstellung in einer Skulptur von 1958, auch wenn sie schlussendlich nicht völlig nach den Vorstellungen Richters umgesetzt wurde. Nada, nach seiner Ehefrau benannt, schraubt sich in sieben metallenen Bögen entlang eines Stahlseils in die Höhe. Die wechselseitig angebrachten Metallschiffchen stabilisieren sich – im Seil nur eingefädelt und mit Schrauben fixiert – gegenseitig und heben jede Schwerkraft auf.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Thu 12/04/2018

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Das Gemeinsame und das Vielfache

Emil Gruber zur Ausstellung: Ein rebellischer Visionär – Retrospektive Vjenceslav Richter in der Neuen Galerie Graz, zu sehen bis 2. September 2018

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