Alpacher Baukulturgespräche aktuell
Alpbacher Baukulturgespräche 2013: Claudia Gerhäusser berichtet aktuell aus Alpbach
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Bericht
Alpbacher Baukulturgespräche 2013

Eine Frage der Zeit? Or what is the speed of change?

2015 ist aus heutiger Sicht absehbarer. Vieles von dem, was in diesen zwei Jahren passieren wird, ist in einer durch Planung strukturierten Ordnung schon auf den Weg gebracht. Das Jahr 2030 ist weniger greifbar und lässt größeren Spielraum in der Entwicklung, weist aber auch mehr Lücken auf, die mit dem Risiko des Unerwarteten belegt sind. 2050 scheint zeitlich kaum fassbar.

Zu Beginn der heutigen Gespräche stellte Amina Mohammed, Beraterin der Vereinten Nationen, die Agenda Post-2015 vor, an der seit 2000 in internationalen Gremien gearbeitet wird. Sie machte deutlich, dass es eigentlich keine Zeit mehr zu verlieren gibt für einen Wandel unserer ökonomischen und politischen Systeme. Die Agenda ist ein Versuch, weltweit gültige Ziele gegen Armut und menschenunwürdige Lebensbedingungen zu formulieren und trotz der extremen kulturellen und politischen Unterschiede zwischen den Nationen, eine Basis der Zusammenarbeit zu bilden. Die Agenda soll unter anderem Regierungen in die Verantwortung einbinden, jungen Generationen den Zugang zu Bildung und damit zu internationaler Mobilität zu ermöglichen, ebenso wie sie ökologisches und ökonomisches Umdenken für möglichst viele Nationen verbindlich machen soll.

Laut Amina Mohammed wäre es jetzt dringend an der Zeit, den Diskurs über Urbanisierung in neuer Form wieder aufzunehmen. Wenn in absehbarer Zeit mehr als 70% der Weltbevölkerung in urbanisierten Räumen lebt, dann sind es genau die Problemstellungen der Gesundheit, der Mobilität und der Bildung, die in den Städten in Zukunft im Konkreten gelöst werden müssen. Bleibt zu hoffen, dass eine solche globale Agenda die Lebensbedingungen und lokalen Situationen verbessern wird. „A better world by 2030 is possible“ (Live aus Alpach, Fr, 30.08.13, 22:00 Uhr)

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Das Alltäglichen im öffentlichen Raum versus dem permanent selbstorganisierten Spektakel

Eine erste überraschende Erkenntnis im Gespräch Space Lab City: The Use of Public Space vermittelte Cathy Lang Ho, Kuratorin des Beitrags der USA auf der Architekturbiennale 2012: Unsere Vorstellungen von dem, was öffentlicher Raum ist, gehen weit auseinander und in unseren Städten ist der Anteil der Räume, die öffentlich genutzt werden, nur zu einem geringen Teil mit den üblichen Bildern von angenehmen Parks und belebten Plätzen besetzt. Über 70% des öffentlichen Raumes wird nicht von Menschen genutzt. Stattdessen stellen wir diese Fläche unseren Autos zur Verfügung. Durch Parkplätze, Verkehrsinseln und Straßen.

Bevor wir öffentlichen Raum durch unser alltägliches Leben wieder mit Bedeutung versehen können, wie Tihomir Videman, Assistent am Interdiciplinary Centre for Urban Culture and Public Space der TU Wien, uns auffordert, müssen wir somit das Problem der „bewegten Stadt“ und ihrer Infrastruktur lösen. Wir müssten vorhandene Räume besser vernetzen, nicht indem wir deren Architektur verändern, sondern indem unterschiedliche Bewegungsströme in ihnen selbstverständlicher überlagert werden. In einem entsprechenden Spacelab mitten in Berlin testet Frank Christian Hinrichs im realen Maßstab dieses Szenario. Er ist es auch, der in die Diskussion einbringt, dass „wir nicht so viel Neues brauchen, sondern eben nur Vorhandenes besser nutzen müssen“.

Öffentliche Orte erhalten ihren Wert und ihre Existenz erst in den Momenten, in denen viele Erfahrungen mit ihnen verbunden werden. Zumindest betrachtet Tihomir Videman „Places as complex social products filled with many experiences“. Unsere Erfahrungen oder Erinnerungen produzieren die Räume, deren Wert oder Wirkung. Sollen in Zukunft unsere öffentlichen Räume noch Erinnerungen auslösen und einen Wert für uns haben, brauchen wir Methoden, die zu unseren eigenen Erfahrungen werden können. Cathy Lang Ho bringt hier unkontrollierbarere und eigeninitiative Aktivitäten ins Spiel, bei denen man nicht lange fragt, ob Dinge erlaubt sind. „We can’t leave all of our cities’ development to capiatlism and regulations“ umschreibt sie die Prinzipien informeller Raumaneignung, die sich in allen urbanen Strukturen als Guerilla-gardening, Popup-Events und Permanent Parklets etablieren.

Es macht den Eindruck, als wäre das bereits die richtige Idee, um Menschen wieder zurück in den öffentlichen Raum zu bringen. Doch bewegen wir uns damit nicht in Richtung einer totalen Festivalisierung unseres Alltags und der damit verbundenen Räume? Reclaim the city by permanent Events? Die Chance für den öffentlichen Raum liegt irgendwo dazwischen, zwischen dem Alltäglichen und dem andauernden selbstorganisierten Spektakel. Was es sicher braucht, ist eine gemeinsame Sprache, Kooperation, mehr Vertrauen in die eigene Beteiligung und geteilte Verantwortung. Vielleicht müssen wir uns dennoch endlich von der Utopie verabschieden, dass es einen Raum geben wird, zu dem jeder gleichwertig Zugang hat.

"...aber das alles können wir", so meint es jemand aus dem Publikum „...eh erst wirklich machen, wenn wir die Autos aus der Stadt weggeschafft haben“. Wie das konkret gehen kann, bleibt in diesem Gespräch noch offen. (Live aus Alpach, Fr, 30.08.13, 23:30 Uhr)

Verfasser / in:

Claudia Gerhäusser
Europäisches Forum Alpbach

Datum:

Thu 29/08/2013

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Alpbacher Baukulturgespräche 2013
Do. 29.08.2013, 12:30 Uhr bis
Fr. 30.08.2013 19 Uhr

Claudia Gerhäusser berichtet aktuell aus Alpbach.
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Claudia Gerhäusser
Dipl. Ing. Architektur, Bauhaus Universität Weimar und MA of Exhibition Design, Fashion Inst. of Technology, NYC:
Gerhaeusser kam 2010 nach Graz. Zuvor lebte und engagierte sie sich in Weimar, Berlin und New York, immer mit dem Blick für urbane Räume und Veränderungen.

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