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Günther Feuerstein (1925-2021). Foto: LUCA De Giorgi/WIA

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Nachruf
Alles geht in Flammen auf!

Hommage an Günther Feuerstein in Innsbruck

Schon 1970 hatte Günther Feuerstein in seinem Atelier in der Wiedner Hauptstraße in Wien, ein „Open Office“ installiert. Die außeruniversitären Treffen jeden Donnerstagabend wurden legendäre Meetings, die den interdisziplinären Charakter der Architektur in den Mittelpunkt breitgefächerter Diskussionen stellten. Hochgebildete hinterfragten das wöchentliche Weltgeschehen. Offen auch für Studierende, war es ein intellektueller Club voller Überraschungen. Man musste nicht verrückt sein, aber es half zumindest.
Ohne Günther Feuerstein als unterstützenden Protagonisten für engagierte Architekturstudenten:innen am Institut für Gebäudelehre an der TU Wien hätte es in den 70-er und 80-ger Jahren keine junge und wilde Wiener Architekturszene gegeben. Er verstand es, architektonischer Beliebigkeit mit Wissen zu begegnen und der gebauten Fadesse mit enthüllender Kritik elegant Bedeutung zu nehmen.
Gnadenloser Menschenfreund und stiller Anarchist war Günther Feuerstein auf der einen Seite, begeisteter Architekt, leidenschaftlicher Lehrer und entfesselter Mensch auf der anderen.   
Literarischer Ausdruck dieses Wirbels an Weltoffenheit und Geistigkeit waren das Architekturmagazin BAU und die architekturtheoretische Zeitschrift TRANSPARENT.
BAU – ein bis heute im österreichischen Architekturdiskurs unvergleichliches Architekturjournal, mit Günther Feuerstein, Sokratis Dimitriou, Hans Hollein, Gustav Peichl und Walter Pichler als Redaktion. Wann zuvor haben Architekten über Architektur und Künstler über Kunst geschrieben?
Günther Feuerstein war alleiniger Herausgeber des Magazins TRANSPARENT, Manuskripte für Architektur, ein Lichtblick im Sinne einer umfassenden kulturellen Auseinandersetzung. Damals so wichtig wie heute.

Ich zitiere eine gemeinsame Notiz zu einem Gespräch, das wir 2001 führten:  
"Das visuelle Einverständnis als vollkommene Erkenntnis braucht keine Sprache.
So wie jede emotionale Übereinstimmung, Liebe, Leidenschaft, Schönheit, Ergriffensein keine Sprache braucht. So wie gute, die beste Architektur keine verbale Erklärung braucht.
Das Denken spricht nicht.
Das Sehen als nonverbale Verständigung – als qualitativ höchste Stufe der Architekturkritik.
Das Sehen als Sprache."

Günther Feuerstein setzte fort, was er begonnen hatte. Er sagte ohne Bedenkzeit „ja“ als ich ihn 2008 eingeladen habe, „Kultur der Gegenwart“ am ./studio3, Institut für Experimentelle Architektur, in Innsbruck zu lesen. Er freute sich, das ./studio3, die Studenten: innen, wir alle freuten uns.  
Die Architekturfakultät der Universität Innsbruck hatte bis nach dem Jahr 2000 keinen Lehrgegenstand Architekturtheorie, keine Architekturphilosophie. Günther Feuerstein, als ordentlicher Professor an der Hochschule für Gestaltung in Linz schon emeritiert, wird von 2008 an 12 Jahre lang mit Begeisterung „Kultur der Gegenwart“, „Architektur und Physis“, „Architekturphilosophie“ in Innsbruck unterrichten. Hochgebildet und als umfassend geschulter Lehrer war er ein kritisches Element im Klüngel von alltäglicher Banalität, eine Ausnahmeerscheinung auch an der Fakultät. Die Universität wird es ihm mit der Verleihung ihrer höchsten Auszeichnung danken, dem Dr. hc.
Zahlreiche Veröffentlichungen, bis jetzt wohl ein Dutzend Bücher, darunter sehr spezielle, faszinierende, zuletzt 2013 Open Space, ein Buch zur Gegenwart und Zukunft der Architektur, belegen seinen spielerischen Zugang zur Architektur als Lebenselexier. Es sind unverwechselbare Bücher, die keiner Mode folgen, aber offensichtlich Geschehen vorwegnehmen,  bevor sie passieren.
Als Doyen der österreichischen Architektur war Günther Feuerstein eine charismatische Persönlichkeit, ein der Architektur, der Philosophie und Wissenschaft verpflichteter Professor. Selbst leidenschaftlich und begeistert, vermittelte er wie kein Zweiter Leidenschaft und Begeisterung. Schwer vorstellbar, dass es vorbei ist.

Verfasser / in:

Volker Giencke

Datum:

Thu 16/12/2021

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