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Bericht
Aktuelle Baugruppen in Wien

Der Begriff „Baugruppe“ steht für Selbstgestaltung des eigenen Wohnraums und des Lebensumfeldes. Die erfolgreichen Beispiele der letzten Jahre in Deutschland scheinen sich jetzt auch in Wien als Innovation im Wohnbau durchzusetzen. Die Stadtentwickler erkennen den Mehrwert dieser Projekte und setzen darauf, wenn es gilt, neue Stadtteile zu planen. Menschen, die von den Unzulänglichkeiten des Wohnungsmarktes genug haben, machen sich auf die Suche nach Gleichgesinnten. Unterstützung finden sie dabei von der Initiative „Gemeinsam-Bauen-Wohnen".

Mit dem „Infoabend Baugemeinschaften" ging die Initiative im Mai erstmals an die Öffentlichkeit. In „The Hub Vienna" in der Lindengasse Wien veranstaltete sie als Teil der Architekturtage 2010 und mit Unterstützung der „Wien 3420 Aspern Development AG" einen Abend, der die Lebendigkeit der aktuellen Wiener Baugruppenszene aufzeigte. Interessierten wurde vorgeführt, wie eine Baugruppe funktioniert, was man selber machen kann oder wie man aktive Baugruppen und andere Interessenten findet. Das Programm umfasste die Vorstellung der Initiative, die Präsentation von acht aktuellen Baugruppenprojekten in Wien und zum Abschluss die Möglichkeit zu Gruppengesprächen.

Die Initiative – gegründet von Annika Schönfeld, Robert Temel und Gernot Tscherteu – besteht seit 2009, hat sich im Frühjahr 2010 als überparteilicher, nicht gewinnorientierter Verein organisiert und will erreichen, dass sich die Entstehungsbedingungen für gemeinschaftliche Wohnformen in Wien und Österreich verbessern. Außerdem möchten die Beteiligten selbst bei der Umsetzung konkreter Projekte unterstützend tätig sein. Der Verein verfolgt das Ziel, politisches Umdenken einzuleiten, um die rechtlichen, organisatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für selbstbestimmte Wohnprojekte zu erleichtern.

Im „The Hub Vienna“ wurde den bestehenden und kommenden Wiener Baugruppen Raum für allgemeine Informationen coram publico und für individuelle Gespräche an eigens aufgestellten Tischen geboten. Jede der acht Gruppen hatte ihren eigenen Bereich für Kommunikation, Information und Bewerbung ihres Projekts. Ein neunter Tisch war neuen Interessenten, für die es noch kein Grundstück bzw. Projekt gab, vorbehalten.

Den Reigen der Kurzpräsentationen (gestoppte 6 Minuten pro Präsentation) eröffnete das Projekt „[ro*sa] Kalypso" im Kabelwerk Meidling, das 2009 fertiggestellt wurde, gefolgt von dem in Bau befindlichen „Projekt Grundsteingasse" in Ottakring, dem 2009 fertiggestellten „Frauen-Wohnprojekt [ro*sa] Donaustadt" in Kagran, dem in Planung befindlichen „Projekt Gennesaret" in Liesing, dem ebenfalls bereits in Planung stehenden „Wohnen mit uns! - Wohnprojekt Wien" am Nordbahnhof in der Leopoldstadt, dem großteils fertig gestellten Projekt der „Gemeinschaft B.R.O.T" in Kalksburg (die bereits an der Planung von „B.R.O.T 3" in Aspern arbeitet) und der „Baugruppe Seestern Aspern". Den Abschluss bildete die im Aufbau befindliche Baugruppe "Ja:spern", ebenfalls in Aspern.

Kurzpräsentationen – Auswahl

„[ro*sa] Kalypso" im Kabelwerk Meidling
Die [ro*sa]-Projekte wurden initiiert, weil sich Frauen meist aus finanziellen Gründen nicht am Erwerb von Wohnungseigentum beteiligen können, trotzdem aber die Chance haben sollen, autonom und individuell zu wohnen. Selbstbestimmtheit hat gerade bei Frauen viel mit Partizipation in der Planung zu tun, weshalb der Verein [ro*sa] bereits zwei Projekte für Frauen realisiert hat. Bei beiden Projekten war die Architektin Sabine Pollack federführend an der Entwicklung beteiligt. Entstanden sind Gebäude, die den Bewohnerinnen urban, kommunikativ, integrativ, interkulturell und generationenübergreifend Lebensraum bieten. Der Verein [ro*sa] verwaltet zwei Drittel der Wohneinheiten, ein Drittel der Wohnfond Wien. Die Mietwohnungen können nach 10 Jahren erworben werden.

„Wohnen mit uns! -Wohnprojekt Wien" am Nordbahnhof in der Leopoldstadt
Das "Wohnen mit uns! - Wohnprojekt Wien" auf dem Gelände des Wiener Nordbahnhofs ist bereits auf Schiene und wird mit einem Bauträger (Schwarzatal) umgesetzt. Die Projektkoordination wurde von „Gemeinsam-Bauen-Wohnen" übernommen, die Architektur stammt von „einszueins architektur“, während für das benachbarte Bauträgerprojekt 2wohnen mit scharf" die Architekten SUPERBLOCK verantwortlich zeichnen.
„Wohnen mit uns!" ist ein interkulturelles Mehrgenerationenprojekt mit 40 bis 45 Wohneinheiten. Das Objekt soll als Wohnheim geführt werden (wegen der Förderung – wie der Vorläufer "Sargfabrik"), das vom „Verein für nachhaltiges Leben" Wohnungen an seine Mitglieder vermieten, aber nicht verkaufen wird. Die Intention ist, eine selbstverwaltete Gemeinschaft zu schaffen, die allen Bewohnern größtmögliche Individualität bietet. Dabei sollen gleichwertige Wohnqualitäten und verschiedene, gemeinsam nutzbare Räume entstehen. Der ökologische Faktor der Nachhaltigkeit wird beim Heiz- und Wasserhaushalt, bei den Baumaterialien und durch den Verzicht auf das eigene Auto berücksichtigt. Nach außen öffnet sich das Gebäude für KünstlerInnen mit einem „Artists-in-Residence-Programm" und Gewerbeeinheiten für KleinstunternehmerInnen im Erdgeschoß. Am Vorplatz soll ein Wochenmarkt abgehalten werden.

Der gemeinnützige Verband Gemeinschaft B.R.O.T., dem bisher die beiden Projekte in Hernals und Kalksburg angehören, plant in Aspern ein weiteres Projekt, „B.R.O.T. 3", mit 30 bis 35 Wohneinheiten. Als Vision schwebt dem Verband ein interreligiöses Wohnheim vor, getragen von Angehörigen der großen Weltreligionen. Das Projekt ist integrativ und generationenübergreifend und vereint verschiedene Lebensformen sowie Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft.

„Baugruppe Seestern Aspern“
Die „Baugruppe Seestern Aspern" wurde von Mitgliedern des Vereins „Gemeinsam-Bauen-Wohnen" (Werner Luger, Martha Wolzt, Petra Hendrich, Thomas Dimov, Gernot Tscherteu) gegründet, um ein bis zwei Baugruppen in Aspern zu unterstützen. Die InitiatorInnen bieten Coaching und architektonische Planung für die Baugruppen an. Sie werden also einerseits den Gruppenbildungs- und Zielformulierungsprozess begleiten, dabei auch rechtliche und finanzielle Fragen klären, und andererseits die Visionen der Baugruppen in gebauten Raum umsetzen. Es wird eine klare Trennung der Bereiche Coaching und Planung geben. Die Coaches koordinieren in allen Projektphasen zwischen Baugruppe und ArchitektInnen, damit die Projektziele verlässlich erreicht werden.
Die InitiatorInnen hielten am 18. Juni 2010 am Infopoint Flugfeld Aspern einen Startworkshop ab, bei dem der Fokus auf Gruppenbildung gelegt wurde. Im Spätherbst 2010 soll mit einem ausgearbeiteten Konzept die Option für ein Grundstück erworben werden und 2013 die Besiedelung erfolgen. „Seestern Aspern" wird ein urbanes Projekt, in dem Wohnen, Arbeiten und Erholung nahe beieinander liegen. Den Baugruppen bietet sich erstmals in Wien die Chance, einen Stadtteil aktiv mitzugestalten.

Projekt „Ja:spern"
Das Projekt„Ja:spern" wird gerade von „pos architekten“ für eine Baugruppe in der Größenordnung von 15 bis 20 Wohneinheiten entwickelt. Die ArchitektInnen wollen gemeinsam mit einem ausgewählten Team von Planern, Rechtsberatern, Soziologen und Moderatoren die gesamte Projektbetreuung übernehmen. Die Baukosten sollen innerhalb des Rahmens der Wiener Wohnbauförderung bleiben, darüber hinausgehende Kosten für gemeinsam nutzbare Räume, Flächen und Einrichtungen oder besondere Technik sollen gemeinsam beschlossen und privat finanziert werden.

Rege und anregende Gespräche entwickelten sich danach um die Gruppentische. Alles in allem eine inspirierende Veranstaltung.

Verfasser / in:

Karin Wallmüller
Initiative Gemeinsam Bauen&Wohnen

Datum:

Mon 05/07/2010

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Der Begriff Baugruppe steht für Selbstgestaltung des eigenen Wohnraums und des Lebensumfeldes.
Die erfolgreichen Beispiele der letzten Jahre in Deutschland scheinen sich auch hierzulande langsam herumzusprechen.

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