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Kolumne
Aber Hallo! 48

Der Raum. Über Missionen, Normalität und Leidenschaft.

YOSTAR, welch neugierig machender Titel für eine Ausstellung. Mehrdeutig und einprägsam – Young ist enthalten, der Star vielleicht. Ich jedenfalls war davon angetan und habe mich dazu überreden lassen, als Einspringerin in knapper Zeit das Lektorat zu übernehmen.
Was ich erfuhr: YOSTAR bedeutet Young Styrian Architects. Styria schließt junge Architekten der sogenannten „Untersteiermark“ ein, dem Norden des heutigen Slowenien. Etwa 55 steirische Youngsters und 20 aus Slowenien – Architektinnen und Architekten – beantworten für die Schau Fragen mit kurzen Statements. Sie wählen ein eigenes Projekt, begründen warum, weiters ein Objekt von Kollegen und erklären, warum es für sie wegweisend ist, nennen ein vernakuläres *), das sie beeindruckt und geben ein kurzes „Mission statement“ ab zu ihrer Haltung zur Architektur und ihrem Tun.
Ich machte mich also an die Arbeit. Die ging mir leicht von der Hand und war nach kurzer Einübung überschaubar, hielt mich nachts am Schreibtisch bis zwei Uhr früh und war als Arbeit vergnüglich, obwohl sich bald bestätigt hatte: Architekten sind selten gute Schreiber.
Was mich jedoch erstaunte: in den Mission Statements der Jungen las ich viel an Eigendefinition, die von Understatement, Vernunft und bescheidenem Anspruch getragen war – und wenig von unbändigem Wollen, von Leidenschaft und vom „Brennen“ für Architektur.
Da dominierte, durchaus „politisch korrekt“, Folgendes (zitiert): die Reduktion der Form, auch die der Ästhetik kam vor – wie bitte?, immer wieder der Ruf nach Funktionalität, der Bezug auf den Ort (3x), mit knappem Budget Gutes machen, leistbar bauen, nachhaltig sein, unauffällig und unaufgeregt, ökologisch und ökonomisch bauen. Einmal, immerhin, stand da wie ein Aufschrei: Wir wollen Räume schaffen!
Nicht, dass der Raum nicht thematisiert worden wäre in den persönlichen Bekenntnissen der YOSTAR- Architektinnen und Architekten. Aber er war umschrieben, vernebelt, eingehüllt und eingezwängt in Begrifflichkeiten, die ihm jede mögliche Klarheit und Schärfe nahmen. Da ist von räumlichen Lösungen die Rede, von Raumbeziehungen, Raumkonzepten, von nachhaltiger Raumproduktion, räumlichen Systemen, räumlicher Abbildung, von Räumen unseres Alltags und von Möglichkeitsräumen, – ja einmal, Potz Blitz, gar vom dreidimensionalen Raum.
Hey, Youngsters: Besinnt euch, mehr Fokus auf Raum und Raumproduktion! Ist es nicht die ureigenste Aufgabe der Architekten, besondere Räume zu schaffen? Darunter muss man keineswegs, wie Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au die österreichische Tradition einer barocken Raumgestalt behaupten. Kann man aber. Eine ganz andere Auffassung von Raum zeigen Anne Lacaton & Pierre Vassal, die postulieren: „Luxus hat mit Vergnügen zu tun, mit Großzügigkeit und der Freiheit, genug Raum für die Entfaltung des Lebens zu haben“. Ein Maximum an Raum mit einem Minimum an Material und Kosten zu erzeugen kann Raum besonders machen, n’est pas? Räume können vielfältigste Gestalt annehmen, im Ausdruck ganz unterschiedlich sein, und dennoch einen gemeinsamen Nenner haben: das Besondere.
Denken oder träumen Sie sich in Räume, liebe Leser, die Sie in Ihrem Leben besonders beeindruckten. Die Erinnerung wird Ihnen bewusst machen, wie unterschiedlich diese Räume waren.
Meine besonderen Räume: Ich stehe im Pantheon, Blick nach oben – paradox, aber grandios – allein unter hunderten Besuchern.
Ich verharre in der Kirche Ronchamps von Le Corbusier beim Spiel einer einzigen Querflöte in Andacht – wie lange?
Oder: Wie alle Eintretenden falle ich augenblicklich beim Betreten der großen Turbinenhalle der Tate Modern in Schweigen, staunend berührt, wie Olafur Eliasson mit der Installation „The Weather Project“ 2003 die Halle fast ins Dunkel legte, aber eben nur fast – weit weg, an ihrem Ende ein nebelverhangenes, gleichwohl betörendes (Sonnen-)Licht und über uns eine Spiegeldecke in die Unendlichkeit.
Mir fällt Volker Gienckes mehrere Geschoße hoch aufragender Raum ein, Bewegungs- und Luftraum zwischen dem Konzertsaal als Nukleus und der orange-gläsernen Hülle seines Kulturhauses „Great Amber“ in Liepaja (Lettland). Beeindruckend.
Und ich vergegenwärtige mir, ganz einfach geht das, das seltsam unsichere Gefühl im Schiefen Haus des manieristischen Parks von Bomarzo, den ich vor fast 40 Jahren entdeckt habe – kein Haus zum Wohnen, sondern eine Skulptur, eine, die ein besonderes Raumgefühl erzeugt.
Räume in Wohnhäusern von Kollegen fallen mir ein, das eigene von Michael Haberz, oder ein paar frühe von Klaus Kada. Der konnte in der Grazer Pflanzenphysiologie auch einen Brückenraum bauen, der trotz größter Transparenz nachts und auch bei bestimmtem Sonnenstand eine phantastische Raumwahrnehmung erzeugt. Wie? Durch eine kleine Abweichung, eine kleine Krümmung. Eben, weil er besonderen Raum schaffen wollte. Funktionalität und Ökonomie sind Voraussetzung im Bauen – Basics – würde Kada vermutlich sagen, aber noch lange keine Architektur. Weicht ein wenig ab von Norm und Normalität, würde er sagen oder schreiben, den Young Styrian Architects ins Stammbuch.

*) den Begriff vernakulär erklärt weder das Fremdwörterbuch des Duden noch der „Kluge“, das von mir geliebte etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache. Es kommt aus lat. vernaculus - einheimisch und meint etwas, das historisch gewachsen, ohne Experten geplant ist.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Tue 03/07/2018

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Kommentare

ich muss jetzt ganz oben

ich muss jetzt ganz oben anfangen, denn den kommentar zum kommentar gibt es leider nicht.
ich behaupte einmal gar nix sondern im kommentar "vermächtnis" wurde behauptet und dem wurde ein argument dagegengestellt. vielleicht eine wage kenntnis aus persönlicher erfahrung, vielleicht ein weitergeben von kommentaren dritter etc.
perse unterstelle ich den jungen nichts aber auch nicht den alten. ist ein bissl schwer auszumachen, wie alt der anonymus ist. aus der reaktion könnte ich vermuten jung. und weiters kann ich aus der reaktion herauslesen, fühlt sich betroffen. also ist anonymus ein junger betroffener kollege oder eine junge betroffene kollegin.
ich unterstreiche aber nochmals meine feststellung, "Nicht „viel zu teuer, unbeweglich, selbstdarstellerisch, halten sich an keine Kostenvorgaben“ das Imageproblem der Architekten ist, sondern einfach die feststellbare Ideenlosigkeit und die unreflektierte Hörigkeit – man nennt das Dienstleistung – das ist das wirkliche Imageproblem." Hier steht also nix von alt und jung. Nur nachdenken sollten über diese feststellung eher die jungen wie die alten. aber das ist der ganz normalen biologischen entwicklung geschuldet und ist als satz noch kein werturteil.
Neben dem Verstehen ist auch genau zuhören, in diesem fall genau lesen, die grundlage für einen diskurs.

Ich als junge Architektin bin

Ich als junge Architektin bin ein wenig überrascht über die Kritik, die hier über die neuen Tendenzen und jungen Teams und Gruppen von ArchitektInnen, bis hin zu neuen interdisziplinären Kollektiven geübt wird.

Es gibt durchaus viele interessante neue Ansätze und Konzepte, die weit über Form und Raum hinaus gehen, und die hier noch keinen Platz gefunden haben auf Gat.st.

Die Jungen und Mutigen, die sich heutzutage trotz der immer schwereren Rahmenbedingungen ins Architekturgeschäft wagen, sollten viel mehr Raum hier auf dieser Plattform bekommen!

kein Platz auf GAT?

Liebe junge Architektin,
ich darf Sie darauf hinweisen, dass GAT mehrere Möglichkeiten bietet, Projekte vorzustellen:
young planning // bauwerk.aktuell // architektur><kunst // PLUS/MINUS.
Schauen Sie bitte in diese Dossiers hinein und machen Sie ihre Vorschläge für die Veröffentlichung.
Mit besten Grüßen und vielleicht bis bald!
Karin Wallmüller // redaktion@gat.st

Das Vermächtnis

Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die neue junge Architektengenerartion bewusst NICHT mit der Generation um Giencke, Prix, etc. indentifizieren will, ja geradezu ein Gegenstatement oder zumindest ein Gegenmovement postuliert!?
Ich gehe ja sogar soweit, dass ich behaupte, das Imageproblem, das wir Architekten heutzutage haben (Viel zu teuer, unbeweglich, selbstdarstellerisch, halten sich an keine Kostenvorgaben etc.), haben wir der alten Generation der ewigen Streithanseln und notorischen Selbstdarsteller und Budgetüberschreiter zu verdanken. Dieses Image müssen wir endlich überwinden!

zum behaupteten "Gegenmovement"

Die auf meine Aber Hallo Kolumne erfolgten Kommentare zeigen leider keinerlei Reaktion auf meinen Aufruf, Architektur als Gestaltung von Raum zu begreifen. Eine solche Kolumne gibt immer die Meinung ihres Autors, in meinem Fall ihrer Autorin wieder und die ist durchaus überspitzt. Die anonymen Reaktionen sind jedoch erschreckend inhaltsleer. Was ist das Gegenstatement und wo das "Gegenmovement"? Wenn es um Diskurs, also Auseinandersetzung zu einem Thema geht, so seien die Kuratoren jetzt aufgerufen, das umzusetzen, was Petra Kickenweitz in ihrer Eröffnungsrede postuliert hat: dass es nicht um Selbstdarstellung, sondern um den Diskurs geht. Setzt doch eine solche spontan an und kommt zahlreich, um eure Mission Statements, eure Haltung zur Architektur und Architekturproduktion zu erklären und gegenüber von Wolfgang Feyferlik und mir geäußerter Kritik zu verteidigen.
Zur Erklärung und Erinnerung: Kritik kommt von griech.: krinein "scheiden, trennen (auseinandernehmen, zerlegen, genauer anschauen), kann also durchaus fruchtbar sein.
Übrigens (für den Anonymus, der in meinem Namen schreibt, wie originell!): auch Pseudonym ist ein Wort, dem eindeutig eine Bedeutung zugeordnet wird. Entstanden aus dem griech.: pseudos "Lüge" und onoma/onyma "Name", also - freundlich gesagt - ein angenommener Name. Die Behauptung, dass also immer mit einem Pseudonym gepostet wird, kann nur jemand treffen, der die Bedeutung des Begriffs nicht kennt. Außerdem ging es in Feyferliks Antwort um die zahlreichen, vermutlich männlichen "Anonymus", deren Tätigkeit in Merkur-Supermärkten besser eingesetzt wäre.

... eher eine Steilvorlage !!!

Wer auch immer sich das nur „anonym“ zu schreiben traut, hat wahrscheinlich gar nicht den ganzen Artikel gelesen oder was wahrscheinlicher ist, nicht verstanden. Draufhauen ohne Wissen, den Schuldigen ausmachen für einen persönlichen und unleugbaren Zustand der einen umgibt – für den man selbst (!) mit/verantwortlich ist. Was soll Langeweile, Beliebigkeit und „Raumlosigkeit“ für ein Gegenstatement sein – gegen wen, für wen ?
Nicht „viel zu teuer, unbeweglich, selbstdarstellerisch, halten sich an keine Kostenvorgaben“ ist das Imageproblem der ArchitektInnen, sondern die fehlende Fachkompetenz. Was die hier angesprochene Generation mit Basics meint (also die selbstverständliche Voraussetzung für etwas), die einfach feststellbare Ideenlosigkeit und die unreflektierte Hörigkeit – man nennt das Dienstleistung – das ist das wirkliche Imageproblem. Man traut dem (eigenen) Berufsstand nichts mehr zu. Über das muss aber nicht die Generation der 60er Jahre nachdenken, sondern über das muss sich, wie jede Generation für sich, der Nachwuchs Gedanken machen.

Sie behaupten also, dass die

Sie behaupten also, dass die junge ArchitektInnen-Generation "Langeweile, Beliebigkeit und Raumlosigkeit" produziert? Oder wie soll ich ihren Kommentar jetzt deuten? Sie behaupten also, die jungen ArchitektInnen in unserem Land haben ein Fachkompetenzproblem, Sie schreiben von "fehlender Fachkompetenz"?

So ist es!

YES, endlich sagts mal wer!

und nicht anders!

Dem schließe ich mich an!

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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