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Kolumne
Aber Hallo! / 3
Ausgabe 3

Das Haus ist Symbol für Geborgenheit und Schutz, für Verstecken, Sich-Zurückziehen und für Privatsphäre. Aus seiner archaischen Vorform, der Höhle (mhd. Hüle), leiten sich sprachlich Hülle und umhüllen her. Demnach ist nachvollziehbar, dass alle Kinder das Haus in der Zeichnung durch Wände definieren, die eine Hülle bilden und so eine Grenze zwischen der Geborgenheit des Drinnen und den Unbillen des Draußen symbolisieren.
Das Haus, schreibt Gaston Bachelard in seiner ‚Poetik des Raumes’, ist unser erstes All. „Es ist wirklich ein Kosmos.“ Ein Kosmos ist, wenn auch riesig, ein abgeschlossenes Ganzes, eine Hülle, nicht vollständig, wenn sie nicht allseitig schützt. Also braucht das Haus ein Dach – soweit so logisch. Warum aber, frage ich mich immer wieder, drückt sich schon für Kinder die Symbolik des Daches immer im steilen Satteldach aus? Psychologen wie Peter G. Richter behaupten, dass unsere gewohnte Raumvorstellung nicht angeboren ist, sondern das Produkt eines langwierigen Sozialisations- und Lernprozesses. Wie können Kinder diese Symbolik verinnerlichen, wenn sie schon längst nicht mehr in solchen Häusern mit steilem Dach aufwachsen, oder wie Kinder in anderen Kulturen solche nie gesehen haben, frage ich mich?
Vielleicht aber speist sich unser frühes Bild vom Haus als schützender Raum doch nicht aus unseren eigenen frühkindlichen Erfahrungen und daraus geformten Schemata, sondern – banaler – vom Vor-Bild, das man schon als Kleinkind vom Objekt Haus vermittelt bekommt, wenn Papa oder Mama uns ein Abbild eines Hauses mit wenigen Strichen skizzieren.
Wie auch immer – Haus, Wände und Dach (steiles Dach) als Symbol für Geborgenheit und Schutz setzen sich in unseren Köpfen als eng umrissene Vorstellungen fest, die nur schwer aufzubrechen sind. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Zeichnen Sie einem Kleinkind ein modernes Haus auf, das die klassischen traditionellen Attribute nicht besitzt. Sie werden Protest ernten. Nein, das ist kein Haus!
Dass das Symbol Haus wirkmächtig ist und mit Stein, Ziegeln und Holz zum Klischee gefestigt wird, kann man täglich sehen, wenn man übers Land fährt. Im Tourismus setzt eine ganze Industrie auf die Sehnsucht der Menschen nach der Geborgenheit der „Urhütte“ und die Wirkkraft dieser Bilder. Bachelard widmet im genannten Buch ein ganzes Kapitel den Häusern und Zimmern, die von Schriftstellern und Dichtern als Diagramme der Psychologie „geschrieben“ wurden. Auch bei Baudelaire, Rimbaud und anderen dieselben Bilder vom Schutz des Hauses. Nur Rilke, im Schutz desselben, möchte bei Gewitter, bei Wind und Regen draußen sein, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Willi Hengstler schreibt im „Jahresrückblick einer Eintagsfliege“ auf GAT über das neue Vordach am Bahnhofsvorplatz in Graz: „Vielleicht ist es die Wahlmöglichkeit zwischen dem Ausgesetztsein unter einem nach oben endlosen Himmel oder der Geborgenheit durch den Ring, die so besonders beeindruckt“.
Dem Ausgesetzt-Sein unter freiem Himmel setzt er die Geborgenheit durch das ringförmige Dach gegenüber. Ich musste schmunzeln, als ich das las. Leute werden nass unter diesem so hohen Dach, wenn der Regen nur ein wenig schräg daherkommt. Wind bläst ungehindert durch und Reisende, die ein Taxi nehmen wollen, müssen sich aus dem bei Regen mit Windstille doch hinlänglichen Schutz des Daches ins Schutzlose des nach oben endlosen Himmels begeben, um zum Taxistandplatz zu gelangen.
Viele fragen sich, worin der Sinn dieses überdimensionierten Objekts liegt, das dem Bahnhofsvorplatz die urban-großzügige Geste des freien Vorfelds nimmt. Meine Schweizer Gäste, eine Gruppe von Architekten, die im letzten Sommer im Daniel wohnte, schüttelten nur den Kopf. Gewiss liegt der Sinn in der Macht des Symbols, die die eigentliche Funktion obsolet macht - ja, ersetzt. Imagination ist alles.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Tue 07/01/2014

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Kommentare

Liebe Karin,

ich mussste lachen, als ich deine Kolumne las, denn vor ein paar Tagen habe ich meinem Enkel Leon, nachdem er mich gebeten hatte, ein Haus aufgezeichnet, und zwar so, wie ich es als Kind tat, mit Steildach und Zaun!! Angesichts des fertigen Bildes bin ich plötzlich aus meinem Stumpfsinn erwacht, und habe ihm einige Zeichnungen von Häusern, die nicht der Gestalt des "Urhauses" entsprechen, angefertigt. Das und meine Ausführungen auf seine Fragen haben dem Dreijährigen gefallen, er war nicht der Meinung, dass dies keine Häuser seien. Ich musste aber beschämt feststellen, dass auch einschlägig studierte Menschen, wenn sie nicht nachdenken, dieses Urbild eines Hauses heraufbeschwören, das die Nachfahren dann ebenfalls verinnerlichen. Illustrierte Kinderbücher sind übrigens auch voll von Steildachhäusern:  die Hexe wohnt in einem Knusperhaus mit Satteldach und sogar der fortschrittliche Janosch lässt den Bären und den Tiger in einem Haus mit Steildach wohnen.... so werden die Kinder ebenfalls schon früh einseitig geprägt.

?

... Das hat doch nichts mit Stumpfsinn zu tun ? Oder mit einseitiger Prägung ? Es geht um die Wahrnehmung dessen was wir instinktiv als Haus empfinden und wie man ein Haus als "Zeichen" liest. Und das seit Jahrhunderten. Und das "Urbild" des Hauses ist doch nicht falsch sondern eine ehrliche Emotion - ein Index den wir als Haus kennen. Sie haben es doch selbst als erstes gezeichnet ? Auf einem Verkehrsschild könnten Sie einen einfachen schwarzen Block und ein schwarzes Haus mit Dach auch nicht unterscheiden, wären denn beide gleich dargestellt ? Ein Flachdach ist Ok. Ein Satteldach ist Ok. Alles hat Begründung. Da ist nichts falsch und richtig. Sonst wäre ja unsere ganze Altstadt einseitig heraufbeschwört ?

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne "Aber Hallo!" Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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