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Bericht
90 Jahre Bauhaus

Umstritten, umkämpft, idealisiert und trivialisiert. Die Tatsache, dass heuer der 90. Jahrestag der Bauhausgründung gefeiert wird, macht bewusst, dass dieses folgenreiche Phänomen der Design- und Architekturgeschichte der Moderne bereits in einen weiteren historischen Horizont rückt und kaum mehr durch Zeitzeugen, v.a. ehemalige Schüler, vermittelt werden kann.

In der Aufbruchstimmung der Weimarer Republik nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges war die Idee zu einem optimistischen Neuanfang aller Künste, mit dem die Voraussetzungen für eine bessere Lebenswelt geschaffen werden sollten, entstanden. Im April 1919 wurde unter der Leitung von Walter Gropius das Staatliche Bauhaus in Weimar als Zusammenschluss der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule gegründet. War das Bauhaus mit seinem Meisterprinzip und der Verbindung von Handwerk und Kunst zunächst von einer idealisierenden Vorstellung der mittelalterlichen Bauhütte getragen, in der auch esoterische Elemente Platz hatten, so schwenkte der Kurs ab 1923 unter dem Motto „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ um. Nun wurden die Möglichkeiten der Industrie für die Erarbeitung funktional und ästhetisch entsprechender Gestaltungen eingesetzt.

Nach Konflikten und Anfeindungen seitens des rechtskonservativen Weimarer Bürgertums übersiedelte das Bauhaus bekanntlich 1925 nach Dessau, wo im neu errichteten Schulgebäude die Arbeit bis 1932 fortgesetzt wurde, ab 1928 unter der Leitung von Hannes Meyer. Nach dem Sieg der NSDAP bei den Gemeinderatswahlen in Dessau musste das Bauhaus, nun unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe, wieder umziehen, nach Berlin, wo es aber unter nationalsozialistischem Druck wenig später geschlossen wurde. Wiederbelebungsversuche in den USA (New Bauhaus) hatten nur mehr eingeschränkten Erfolg.

Das Bauhaus und seine Entwürfe sind seither längst in den Kanon der Architekturgeschichte aufgenommen worden. Die auf Hochglanz gebrachten Erinnerungsorte in Dessau, Weimar und Berlin sind heute Pilgerstätten der Moderne. Hand in Hand mit der Aufnahme in den Olymp der Architekturgeschichte ging in den letzten Jahrzehnten die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte dieses Phänomens.

So haben nicht nur fundierte bauhistorische Untersuchungen der materiellen Relikte des Bauhauses deren Restaurierung bzw. „originalgetreue“ Rekonstruktion möglich gemacht, sondern auch internationale ForscherInnen die inneren Differenzierungen, die äußeren politischen Konflikte, die Ausstrahlung der Bauhausideen in verschiedenste Regionen der Welt und die Funktion des Bauhauses als Gedächtnisort kultureller Modernität dokumentiert.

Die Marke „Bauhaus“ ist heute international eingeführt und garantiert hohen Profit. Statt Qualität und kostengünstige Produkte für eine Massengesellschaft zur Verfügung zu stellen, werden heute Bauhaus-Entwürfe für Tischleuchten und Kleinmöbel in kleinen Auflagen produziert und zu für das Gros der Menschen unerschwinglichen Preisen zum Verkauf angeboten. Möbelfirmen, Auktionshäuser und Designhotels preisen ihre Möbel „im Bauhausstil“ an, zu denen alles, was aus Stahlrohr ist, geometrische Formen hat und vielleicht auch noch dem Freischwinger-Prinzip ähnelt, gezählt wird. Mit den Formexperimenten des Bauhauses, dem prozesshaften Herausarbeiten der jeweils adäquaten Form für eine spezifische Funktion hat das freilich nichts mehr zu tun.

Einige wichtige Ausstellungen zum Jubiläumsjahr sind zwar schon wieder geschlossen, gerade erst eröffnet hat aber „Modell Bauhaus“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin, bei der erstmals die drei wichtigsten Institutionen, die das Erbe des Bauhaus bewahren, an einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt gearbeitet haben. Unter dem Titel „Workshops for Modernity“ widmet das New Yorker MoMA dem Bauhaus im Herbst ebenfalls eine umfangreiche Schau.

Auch ein Besuch der Stadt Dessau ist – selbstverständlich über das Jubiläumsjahr hinaus – höchst empfehlenswert. Hier ist nicht nur das Bauhausgebäude selbst, das zu den prestigeträchtigsten Ikonen der Moderne überhaupt und mittlerweile zum UNESCO-Kulturerbe zählt, von Interesse. Auch die 1925/26 nach Entwürfen von Gropius errichteten Meisterhäuser in der Nähe der Schule sind mittlerweile restauriert, zum Teil aber auch – wie die ausgestellten Fotos zeigen – komplett rekonstruiert. Zu besichtigen sind heute die an großbürgerliche Villen erinnernden Doppelhäuser Klee/Kandinsky und Muche/Schlemmer sowie das Feininger-Haus, das heute das Kurt-Weill-Zentrum beherbergt.

Wesentlich weniger bekannt, aber umso interessanter sind die Zeilenbauten der Siedlung Törten (1926–28), bei der eine Arbeiterwohnstätte mit Selbstversorgergärten in kostengünstiger, standardisierter Bauweise und mit minimalen Grundrissen entwickelt wurde. Ein Siedlungshaus, heute Sitz der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft, kann besichtigt werden. Auch das halbkreisförmige ehemalige Arbeitsamt Dessau von Gropius ist einen Abstecher wert.

Modell Bauhaus
Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin
22.7.– 4.10.2009
Veranstaltet vom Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung Berlin, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Klassik Stiftung Weimar

Filmausstellung
Bauhaus in Aktion
und Rekonstruktion
Raum der Gegenwart
08.06.–04.10.2009
Ausstellungsebene und Bauhausbühne im Bauhausgebäude, Dessau

Bauhaus 1919–1933
Workshops for Modernity
Ausstellung im Museum of Modern Art in New York
8.11.2009–18.01.2010

Verfasser / in:

Antje Senarclens de Grancy

Datum:

Tue 28/07/2009

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Infobox

Im April 1919 wurde unter der Leitung von Walter Gropius das Staatliche Bauhaus in Weimar als Zusammenschluss der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule gegründet.

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